18.08.2003

Zum Vorschlag des Bundes der Vertriebenen

Sibylle Dreher
Sibylle Dreher
Zum Vorschlag des Bundes der Vertriebenen
Beitrag zum Internationalen Colloquium »Ein Zentrum für Vertreibung?« vom 14. – 16.03.2003 in der Akademie Sankelmark

Einleitung

Ich zitiere aus der Einladung zum Colloquium »Ein Zentrum für Vertreibung«?:

»Grass ging mit der Zeit, als er für große Teile der Deutschen Flucht und Vertreibung aus der reichsdeutschen Heimat aus dem Vergessen löste.
Zeugenschaft bekunden, Erinnerungen aufzeichnen, Wissen dem drohenden Verlöschen entwinden, das Gedächtnis unserer Nachbarschaft unseren Biographien zu verbinden – dies erst schafft Sicherheit wo auch immer, eine Sicherheit von unten. Der deutsche Bund der Vertriebenen, Hort der Erinnerung an Flucht und Vertreibung aus den Heimat- und Siedlungsgebieten im Osten, fordert für die alte und neue Hauptstadt Berlin ein Zentrum gegen Vertreibungen. Es sollte Mahnung gegen das Vergessen sein und vor neuem Unrecht und neuem Heimatverlust warnen.
Skeptiker fürchten vordergründige Interessen der Vertriebenenorganisationen, Einseitigkeit des Gedächtnisses, Ausklammerung von Schuld, Aufrechnung von Verbrechen – und dies allzu nahe dem Mahnmal des Holocaust.
Andere plädieren für eine Europäisierung des Gedenkens, die Dokumentation von Vertreibung wo auch immer, und wollen ein solches Zentrum in Breslau errichten …«

Dieser Text ist beladen mit Ausdrücken, die Meinung andeuten, ohne sie zu benennen. Die Formulierungen sind so nebulös formuliert mit vielsagenden Ausdrücken, dass ich versuchen will, einen neuen Ansatz zu finden, in dem ich Fakten benenne, über die man sich dann austauschen kann. Eins will ich dennoch vorweg nehmen:
Der Aussage, Grass ginge mit der Zeit kann ich gar nicht folgen. Grass ging nicht mit der Zeit – er hinkte hinterher – das sagt er selbst:

»Niemals hätte man schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis sei bodenlos.«

Mit diesem Zitat will ich aber nicht andeuten, dass ich seine Auffassung teile, denn das mit den Rechtsgestrickten, das erscheint mir auch wieder so verquer bedeutsam geäußert worden zu sein, ohne deutlich zu machen, was gemeint ist: Rechtsgestrickt – das ist böse gemeint und soll hübsch klingen.. Wir alle wissen, dass zu einem demokratisch verfassten Staat verschiedene Meinungen gehören, die entsprechend der parlamentarischen Sitzordnung rechts oder links eingeordnet werden. Dass linke Meinungsträger gegen rechte Meinungsträger sind, ist völlig normal und demokratisch. Wenn aber linke (in Klammern: oder rechte) Meinungsträger meinen, dass sie allein die richtige Meinung hätten, dann kommen wir der Gleichschaltung von Meinungen sehr nahe, die in Diktaturen (in Klammern: auch in der Diktatur des Proleatriats) oberstes Gebot ist.
Auseinandersetzungen zwischen links und rechts gehören nach meiner Auffassung ins Parlament. Dialog zu einer Sache kann man im außerparlamentarischen Raum ohne die Etiketten links oder rechts führen, wie hier zu dem Thema: Zentrum gegen Vertreibungen.

Fakten

Sie haben eingeladen zum Dialog, zum Pro und Contra eines Zentrums gegen Vertreibungen, wie es vom BdV vorgeschlagen worden ist. In Ihrer Einladung steht: „Der deutsche Bund der Vertriebenen – Hort der Erinnerung an Flucht und Vertreibung - .... fordert ... . für Berlin.....“ Sie suggerieren mit dem eingeschobenen Satz: Pfui Teufel – ein Hort der Erinnerung – so etwas Ewig-Gestriges stellt Forderungen, Igitt. Ekel, Berührungsangst.
Tatsache ist, und ich zitiere aus der Satzung der Stiftung:

»Der Bund der Vertriebenen hat eine Stiftung mit Namen Zentrum gegen Vertreibungen errichtet, die mehrere Zwecke verfolgt:

  • Förderung der Völkerverständigung, der Versöhnung und der friedlichen Nachbarschaft der Völker.

  • Es soll Mahnung sein der Völkervertreibung weltweit entgegenwirken, sie zu ächten und zu verhindern. … Das Zentrum soll in einer allgemein zugänglichen Ausstellung einen Gesamtüberblick über die Vertreibung von mehr als 15 Mill. Deutschen geben … Unter einem Dach soll die Kultur, das Schicksal und die Geschichte der deutschen Vertriebenen und ihrer Heimat im Zusammenhang dargestellt werden. Außerdem sollen andere Vertreibungen erfahrbar werden.

  • Errichtung und Unterhaltung einer zentralen Informations- Dokumentations- Archiv- und Begegnungsstätte in Berlin als nationales und internationales Zentrum gegen Vertreibungen und für menschliche Begegnung.

  • Unterstützung aller Bestrebungen, die dem Zusammenwachsen und der Einigung der Völker dienen. Zu diesem Zweck kann die Stiftung auch Preise für besondere Verdienste um die Völkerverständigung verleihen.«

Sie haben eine Vertreterin des Verbandes eingeladen, der eine Konzeption erarbeitet und auf den Weg gebracht hat. Viel zu oft in veröffentlichten Aufsätzen und Reden wird gegen das Konzept gesprochen und man hat den Eindruck, es wurde nicht gelesen und noch weniger verstanden.
Ich komme aus Berlin, dieser Stadt, in der es sehr viele Erinnerungsstätten gibt. Sie erwähnen das Mahnmal des Holocaust, das neben dem Brandenburger Tor steht, das wiederum steht neben dem Parlamentsgebäude Reichstag. Auf der anderen Seite grenzt es an die Ländervertretungen neben den Wohnblocks aus Zeiten der DDR und an den völlig neu gestalteten Potsdamer Platz. Es gibt keine Stadt in Deutschland, in der auf so engem Raum so viele Erinnerungsstätten beieinander liegen, wie in Berlin. Fast jedes alte Gebäude hat seine Geschichte durch mehrere deutsche Staatsformen hindurch und wo Neues steht, da war früher »Niemandsland« oder freigeräumte Flächen oder Umwidmungen – also ungezählte stadtplanerische Vorgaben mit Altlasten und neuen Herausforderungen.
Zitat aus Presseerklärung des ZgV, die am 5.8.2002 zusammen mit der Gesellschaft für bedrohte Völker herausgegeben wurde:

»Berlin ist eine europäisch geprägte Stadt, in der sich das Schicksal des Kontinents Europa in allen Facetten widerspiegelt. Für Vertriebene unterschiedlicher Völker ist diese internationale Metropole leicht erreichbarer Anlaufpunkt. Aufgrund seiner Lage ist Berlin gleichzeitig Scharnier zwischen dem östlichen und westlichen Europa.«

Lassen Sie mich hinzufügen, dass dies nicht erst seit kurzem so ist, als die Mauer fiel und Berlin de facto deutsche Hauptstadt wurde, sondern schon seit Jahrhunderten. Für Vertriebene und Flüchtlinge aus allen Teilen Europas hat Berlin schon oft in der Geschichte Anziehungskraft ausgeübt, nicht zuletzt wegen der religiös toleranten Haltung der preußischen Könige. (Salzburger, Mennoniten, Hugenotten) Ich will nicht auslassen, dass es in der Geschichte Berlins auch Zeiten gegeben hat, in denen aus der Stadt geflohen wurde, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Zeit des sowjetischen Einflusses bis 1989. Berlin …---- Wer erlebt, wie täglich Schulklassen und Reisegruppen in Bussen durch diese Stadt geschleust werden und die unterschiedlichen Erinnerungsstätten besuchen und erklärt bekommen, der weiß, dass es für den blinden Fleck in unserer Geschichte – Flucht und Vertreibung – geradezu notwendig ist, einen Gesamtüberblick über diesen Teil der europäischen Tragödie zu schaffen und dass dies in dieser stark frequentierten Stadt Berlin geschehen muss.

Aufgabe für heute und morgen

Ich komme in Vertretung von Frau Steinbach, die diesen Gedanken als erste äußerte. Als Präsidentin des Frauenverbandes im BdV und damit Mitglied im Präsidium des BdV war ich Zeuge der ersten Erörterung des Gedankens eines ZgV innerhalb des Verbandes. Ich war sofort begeistert: Endlich eine Aufgabe für die Zukunft. Welch besseres Ziel als die Gestaltung eines solchen Zentrums für zukünftige Generationen könnte es geben?
Bislang hatten wir Zeitzeugen zur Verfügung, Menschen, die erklären konnten. Es war klar, dass diese zukünftig fehlen würden. Fragen an diesen Teil der Geschichte würden aber nicht weniger, sondern mehr werden. Dazu ein Beispiel aus dem Geschichtsunterricht einer 10. Klasse in der Nähe von Berlin: »Wer hat unsere Großeltern vertrieben, die Nazis?« Eine solche Frage stellt große Anforderungen an die Beantwortung.
In unserem eigenen Land werden trotz aller freiheitlichen Verfassung und Möglichkeit der Information in jeder Weise – solche Fragen aus der Jugend gestellt, die zu diesem Thema nie informiert worden ist . Sie weiß von den Verbrechen der Nazis, kann diese jedoch nicht einordnen in die Geschichte des eigenen Volkes, geschweige denn in die Geschehnisse in Europa. Selbst bei der Einordnung der Geschichte der eigenen Familie klaffen große Lücken, weil ausgeblendet wird, was in den letzten 60 Jahren geschehen ist und zwar nicht nur im Geschichtsunterricht, sondern auch in unseren Familien und vor allem in der Öffentlichkeit.
Das Schicksal von 15 Millionen Deutschen ist im politischen und allgemeinen Bewusstsein nicht verankert. Das ist verantwortungslos.
Ich will auch sagen, wie wichtig es ist, alles zu erwähnen: Die Verbrechen der Nationalsozialisten in ihrem Rassenwahn, den Deutsche mitmachten und unterstützten bis zum bitteren Ende. Das erzeugt große Schuldgefühle. Wir haben es in unserem eigenen Land erlebt, wohin es führt, wenn eine Generation es versäumt, über erlebte und erfahrene Geschichte zu sprechen und sie aufzuarbeiten: Wir ernten die Empörung der Jugend. Ende der 60ger Jahre hat ein Teil der Jugend – heute 68-Generation genannt – ihrer Empörung Ausdruck verliehen und erreicht, dass die nationalsozialistische Vergangenheit in Deutschland aufgearbeitet wird und Täter bis heute verfolgt werden. Das muss auch weiter so gelten.
Mir wird oft die Frage gestellt, was im Bereich der Vertriebenen denn noch zu tun sei. Diese Frage zeigt, dass die Dimension der Betroffenheit über das Schicksal von 15 Millionen Deutschen und deren Familien völlig abhanden gekommen ist.
Auf meine Gegenfrage nach dem Kenntnisstand zu diesem Thema: »Wie viel deutsche Vertriebene hat es denn wohl als Folge des 2. Weltkrieges gegeben?« wird in den allermeisten Fällen in der Größenordnung von Tausenden oder Hunderttausenden geantwortet, seltener werden Millionenzahlen genannt, aber nie 15 Millionen.
Im Vorwort zum Konzept des Zentrums gegen Vertreibungen (ZgV) werden Vertreibungszahlen aus dem Europa des vorigen Jahrhunderts genannt, die zwischen achtzig und hundert Millionen liegen. Das sind Dimensionen, die nirgends in Deutschland diskutiert werden. Die Zahlen sind lediglich nachlesbar, aber nur stückweise und mühselig zusammen zu stellen. Im Anhang zur Konzeption des ZgV wured eine Tabelle über die vertriebenen Völker im 20. Jahrhundert aufgestellt. Ich gebe diese Liste auf einem DIN A 3 Blatt hier einmal herum. Sie wurde leicht gekürzt veröffentlicht in der Zeitung »Deutsche Umschau«.

Interessenvertretung

Vertriebenenarbeit hatte bisher den Zweck der sozialen und kulturellen Eingliederung und der Bewahrung und Pflege des geretteten Kulturgutes aus den Vertreibungsgebieten. 58 Jahre lang wurde in der Bundesrepublik Deutschland in dieser Hinsicht mit unterschiedlicher Intensität und in jüngster Zeit mit rapide abnehmenden öffentlichen Fördergeldern Vieles geleistet, vornehmlich ehrenamtlich. Prof. Dr. Arnulf Baring: Zitat aus seiner Rede zum Tag der Heimat 2000:

»Alle Deutschen haben doch einen Verlust erlitten, der sie schmerzen sollte. … Viele von uns haben einfach verdrängt, was wir alle mit Ostdeutschland, diesem Viertel unseres Landes, verloren haben: Viele schöne alte Städte mit historischen Marktplätzen, Rathäusern, Kirchen, Bürgerbauten, Burgen und Schlösser, herrliche, unverbaute Landschaften unter weitem Himmel, Wälder und Seen; Mundarten, Mentalitäten. Wir haben die Teilhabe Deutschlands am Osten Europas verloren. Sie wird in der früheren Weise nie wiederkehren. Unser Land hat damit mehr eingebüßt als das Riesengebirge oder Masuren. 'Denn aus dem Osten kamen nicht nur das ostpreußische Korn und die schlesische Kohle', schreibt Wolf Jobst Siedler, 'Deutschland hatte durch seinen Osten auch in seelischer Hinsicht an der östlichen Welt teil, an Religiosität, Mentalität und Lebensgefühl.'«

Vielfach wird dem Bund der Vertriebenen eine Interessenlage vorgeworfen, die rückwärts gerichtet und einseitig sei. Sie ist eher als einzigartig zu bezeichnen, weil die Vertriebenen fast die einzigen sind, die den Wert des Ostens über diese lange Zeitspanne hinweg bekannt und benannt haben. Die Vertriebenen waren im Westen eine Minderheit mit ungleich schlechteren Startchancen nach dem Krieg als die Nicht-Vertriebenen. Dabei will ich nicht generalisieren, aber wer sich die Quellen zur Eingliederung der Vertriebenen ansieht, der wird heute noch erschrocken die erbarmungswürdigen Zustände der damaligen Zeit zur Kenntnis nehmen. Vertriebene waren in der Heimat Vogelfrei und im Westen Treibgut des Krieges (Buchtitel von Rajan Autze über die Vertriebenen in Berlin. (Mitte Juli 45 kamen täglich ca. 20.000 Vertriebene in das zerstörte Berlin. Es erinnert nichts daran!)).
Das Interesse für die Vertreibungsgebiete bei der eigenen Bevölkerung ist unterschiedlich, aber wir verzeichnen zunehmend Anfragen aus den Heimatgebieten – nach Kultur, nach Fakten, nach Zeugnissen, nach Bildern und Dokumenten. Auch aus der 2. und 3. Generation kommen diese Fragen – weil die Zeitzeugen und die Erlebnisgeneration nicht mehr da ist und viele Dokumente unwiederbringlich verloren zu sein scheinen oder ihr Verbleiben nicht bekannt ist.
Also muss archiviert und auffindbar gemacht werden, was gewesen ist. Was ist archiviert? Wo ist es archiviert? In Heimatstuben, Museen, privaten Sammlungen. Es gibt inzwischen ungezählte Werke und Veröffentlichungen über das Kulturgut und deren Bewertung. Z.B. Liedsammlungen von alten deutschen Volksliedern aus verschiedenen Regionen. Diese sind mühselig erstellt worden und geben Zeugnis von dem was war.
Was nun die Vertreibung angeht, da gibt es die Dokumentation der Vertreibung – Zeitzeugenberichte aus den 50ger und 60ger Jahren. Aber es gibt

  • so gut wie keine Filmberichte
  • so gut wie keine Konservierung der Berichte nach der Methode der oral history kaum
  • so gut wie keine Photos oder anderes Bildmaterial.

Es ist wenig da; auch ausländische Historiker (Polen, Amerikaner, Tschechen, Briten) müssen dies feststellen, wenn sie in unseren Verbänden nach solchem Material fahnden.

Weitere Dimensionen

Inzwischen gibt es Anfragen von Psychologen und Psychiatern. Denn sie werden zunehmend konfrontiert mit Beschwerden und Krankheiten und Berichten von Erlebnissen, die sie nicht einordnen können. Der Anruf eines jungen Psychiaters vor drei Jahren hat mich aufgeschreckt: »Wir behandeln in unserem Krankenhaus eine Frau, die eine Suchtproblematik hat. Bei der Anamnese stießen wir auf ihre Behauptung, sie sei bei Kriegsende ca. 50-mal vergewaltigt worden – über Wochen. Ich habe davon nie etwas gehört. Kann das stimmen?« Leider musste ich das bestätigen und der Arzt bedauerte, auch nicht andeutungsweise im Geschichtsunterricht davon gehört zu haben.
Es gibt viele psychosomatische Krankheiten, die ihre Ursache in den Lebensbrüchen haben, die die Vertriebenen und ihre Kinder sozusagen aus der Lebensbahn geworfen haben. Und das hat Auswirkungen nicht nur bei der Erlebnisgeneration, sondern auch in der 2. und 3. Generation.
Wir wissen, dass noch viel an Dokumenten fehlt, dass zwar einiges bewahrt wurde, aber nicht umfassend, nicht für alle Zeit. Die vorhandenen Sammlungen und Museen haben eher regionalen Bezug (Ostpreußisches oder Westpreußisches Landesmuseum, usw.) und ihre Konzeptionen und Ausstattungen sind nicht geeignet, als einzige Überlieferung und Dokumentation über den deutschen und europäischen Osten und die Dimension der Flucht und Vertreibung zu dienen. Fragen unserer 2. und 3. Generation können wir kaum beantworten, denn wir haben so gut wie nichts, was so aufbereitet ist, dass sie es verstehen oder erfassen könnten.
Und was ist mit den Gutachtern, die über die Leiden und Schäden der Betroffenen zu befinden haben, die Anträge auf Rentenanpassung oder Einmal-Zahlungen aus Stiftungsgeldern bearbeiten? Ich zitiere aus einem Briefverkehr mit einer Frau, die bei Kriegsende in den Ural verschleppt worden war:

»Wir zählen noch 251 'Überlebende' aus unserer Lagergemeinschaft, die sich einmal im Jahr treffen. 25 Leidensgefährtinnen haben 4.000,- DM erhalten können, 5 Leidensgefährtinnen haben eine totale Ablehnung erhalten. .. Wir waren alle in einem Boot und werden so an die Wand gestellt. Wir sind alle fassungslos.«

Vier Wochen später schreibt sie:

»Heute habe ich eine Ablehnung erhalten. Aus unserem Lager haben wir jetzt zwölf Ablehnungen und 29 Anerkennungen.«

Was denken sich Gesetzgeber und Administration eigentlich, wenn sie so ungerecht mit den Opfern von Flucht, Vertreibung und Zwangsarbeit umgehen. Oder wissen sie es nicht besser? Dann wird es höchste Zeit für ein Zentrum gegen Vertreibungen.
In Schulbüchern fehlen ausreichende Hinweise darauf – Was wurde bei den deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen denn über Vertreibung in die Schulbücher geschrieben? Bevölkerungstransfer? Oder verkürzte Erklärungen, wie: Nach der Ostkolonisation wurden die Deutschen wieder in den Westen umgesiedelt?
Ein historisches Allgemeinwissen über den europäischen Osten fehlt schon bei mehreren Generationen in unserem Land, sowohl was die eigenen als auch vor allem, was die Geschichte der anderen Völker in diesem Raum angeht. Auch deren Geschichte dauerte ja länger als die Unterdrückungszeit unter den deutschen Nationalsozialisten oder des 2. Weltkrieges und seiner Folgen.. Ein Teil unseres Volkes (ehemalige Bürger der DDR) kennt die Geschichte des deutschen Ostens so gut wie gar nicht.
Lassen Sie mich eine weitere Frage einschieben, die sich mir aus Frauensicht aufdrängt: Was geschah den Frauen, den Kindern, der Zivilbevölkerung? Die erste Tagung, die ich zu dem Thema organisierte und zu der ich Wissenschaftlerinnen und Politikerinnen einlud, riss Dämme ein, denn über die Erlebnisse der und das Geschehen um Frauen und Kinder war so gut wie gar nicht dokumentiert und noch nie hatten Frauen selbst darüber in einem größeren Kreis berichtet. Freya Klier war die Einzige, die sich gleich nach Öffnung der deutschen Grenze des Themas der verschleppten Frauen angenommen hatte.
Der Frauenverband im BdV versucht nun durch Fragebögen abzufragen, was gewesen ist. So erfassen wir zumindest die, die noch leben und bereit sind, aufzuschreiben, was gewesen ist.
Bis heute waren die Vertriebenen nicht in der Lage, ihr Schicksal aufzuarbeiten. Sie hatten verdrängt, versuchten zu vergessen und dennoch suchten sich die schlimmen Erfahrungen im Alter den Weg an die Oberfläche. Der Grund für ihr langes Schweigen war Scham. Scham vor dem Erzählen der Erlebnisse, Scham wegen des ärmlichen Erscheinungsbildes, das sie abgaben. (Feststellung von Prof. Schlögel)
Neu und aktuell ist das Thema u.a. auch deshalb, weil die Vertriebenen, die in der sowjetischen Zone gelandet und in der DDR verblieben waren, nicht bereit waren, nach 1989 weiter zu schweigen, wie sie es seit Bestehen der sowjetischen Besatzungszone auferlegt bekommen hatten. Sie nutzten die gewonnene Meinungsfreiheit und traten fordernder auf, als ihre Schicksalsgefährten aus dem Westen. Sie haben einen großen Nachholbedarf und viele Fragen und sie vermitteln eine große Betroffenheit über die öffentliche (Nicht)Behandlung des Themas in unserer freiheitlichen Demokratie.
Wir stehen erst am Anfang der Verstehens der Dimension der Flucht und Vertreibung und ihrer Auswirkungen auf die Menschen So ungewöhnlich ist das nicht, denn 60 Jahre nach historischen Ereignissen mit solchen persönlich weitreichenden Folgen wird – wir wissen das aus der Holocaust-Geschichte - noch viel aufgearbeitet, entschädigt, und bedarf der Heilung.
Vor 5 Wochen erhielt ich ein druckfrisches Buch mit dem Titel: Das Schweigen brechen, Hrsg. Alexandra Rossberg und Johan Lansen. Es ist ein Buch über Spätfolgen der Schoa, insbesondere bei den überlebenden Kindern, den sog. Child survivors, die in alle Welt verstreut wurden. Da liegt der Frauenverband im BdV mit seiner Fragebogenaktion unter dem Motto »Frauen brechen ihr Schweigen« nicht nur im Trend, sondern beweist, dass er die Zeit nicht verschläft und aktiv handelt. Wenn wir auch jetzt erst beginnen zu erfassen – dann wissen wir sehr wohl, dass es nicht verzögert werden und nichts verloren gehen darf.
Aber: Es gibt Menschen, die wollen, dass diese Geschehnisse im Gedächtnis des Volkes verloren gehen – das sind die Verbrecher selbst und Ihre Nachahmer.

Instrumentalisierung

Es gibt auch welche, die das alles jetzt nicht so wichtig finden – Die Europäisierung dauert ja noch lange. Der ehem. Bundespräsident Weizsäcker schätzt, dass es noch 50 Jahre dauern wird, ehe man von einem geeinten Europa sprechen könne. Bis dahin kann die Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung nicht warten und es besteht die Gefahr, dass Geschichte geschrieben wird, wieder von Leuten, die sie nicht von Zeitzeugen erfahren haben oder erfahren wollten und dann einordnen können, sondern von Ideologen, die aus dem Erkenntnisstand Propaganda fabrizieren, historische Quellen vorsortieren und politisch instrumentalisieren.
Da gebe ich sogar Grass recht, der vor einer Ideologisierung gewarnt hat – aber wer auf einem Auge blind ist, der sollte sich eine Sehhilfe nehmen, bevor er meint, den Überblick zu haben.
Ich erinnere hier an Bronislaw Geremek, (1997 – 2000 Polens Außenminister) der dafür plädiert, die Vergangenheit selbst aufzuarbeiten, ohne Druck und Zwang von außen.

»Europa braucht eine vernünftige Politik der Erinnerung, die der Wahrheit dient und zugleich Mahnungen und Hoffnungen bietet. Dann könnte die Geschichte nicht mehr instrumentalisiert, könnte vergangener Hass nicht wieder aufgefrischt werden, und dann wäre die Wahrheit über die Geschichte der Eckstein der Versöhnung und der Gemeinschaft der Völker Europas.« (Artikel in »Die Welt«, 06.07.2002)

Nun wird ja durchaus für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung plädiert: Dazu willkommen sind alle, die sich des sehr komplexen Themas Flucht und Vertreibung, annehmen wollen und damit Ursachen und Wirkung, Krieg und Frieden, Nachbarschaft und Feindschaft, Volk und Staat usw. beleuchten wollen.
Seit 1945 besetzen wir Vertriebenen das Thema – Jetzt wird endlich an die Zukunft gedacht –

  • Anderseits als Vorschlag von Frau Steinbach (ZgV)
  • Andererseits als Diskussion um die EU-Osterweiterung

Und Jetzt melden sich plötzlich Historiker und Autoren zu Wort, die bisher das Thema gemieden hatten.
Sie publizieren z.B. in der »Zeitschrift für Geschichtswissenschaft«, die bekannt ist als das historische Publikationsorgan der SED Diktatur in der DDR. Das Organ mag sich gewandelt haben – wie so viele ehemalige SED-Genossen. Zu diesen besteht bei Wissenschaftlern anscheinend keine Berührungsangst. In den Jahren zuvor wurde weder in dieser Zeitschrift noch von diesen Wissenschaftlern zu dem Thema in nennenswertem Umfang publiziert. In den 80ger Jahren gab es in der deutschen Hochschullandschaft kaum einen Professor, der sich zu dem Thema bekannte, Diplom- oder Doktorarbeiten akzeptiert oder gar selbst angeregt hätte. So hatte sich die Wissenschaft eingerichtet.
Publikationen kamen in nennenswertem Umfang lediglich von den wissenschaftlichen Mitarbeitern der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen und dem Ostdeutschen Kulturrat, also von den Vertriebenenverbänden nahestehenden Institutionen, Interessenverbänden und Landsmannschaften. Zu diesen besteht anscheinend Berührungsangst. Warum?
Völlig unverständlich für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist die Ausgrenzung der Betroffenen. Stellen Sie sich irgend ein gesellschaftlich relevantes Thema vor – etwa die »Gesetzgebung für Behinderte« oder »Die Seelsorge in der Flüchtlingsbetreuung« – da ist es doch üblich sich mit den Betroffenen und deren Interessenvertretern an einen Tisch zu setzen, nicht aber über sie hinweg bestimmen zu wollen. Berührungsängste in dieser Form sind in unserer Demokratie, die an allen Ecken und Enden Interessenvertreter hat, undenkbar. Zum Thema »Gottesbegriff in einer europäischen Verfassung« werden selbstverständlich die Kirchen und andere Interessenverbände gehört und der Öffentlichkeit ihre Argumente dargelegt. Warum aber das Polen-Institut in Darmstadt ausgiebig und hoch wissenschaftlich angesiedelt und geschickt vermarktet über das Zentrum gegen Vertreibungen diskutiert und publiziert, ohne auch nur einen Vertreter der Ideengeber einzuladen, macht die ganze Angelegenheit fragwürdig. Dies ist eine klare Verweigerung des Dialogs!

Gemeinsame Aufgabe

Wie mir geht es vielen Vertriebenen: Seit 1945 ist das Thema Vertreibung Thema unseres Lebens. Wir sind in der Heimat unserer Vorfahren gewesen, als wir dort noch Zeitzeugen vorfanden. Wir haben uns informiert über die Rolle unserer Familien, soweit sie heute noch dort bekannt sind. Ich lese gerade ein Buch, das mir polnische Sportsfreunde mitgebracht haben: Es ist über die Geschichte meiner Geburtsheimat, herausgegeben vom heutigen polnischen Pater. Er veröffentlicht in diesem Buch Photos, die auch in meinem Familienalbum zu sehen und trotz Flucht und Vertreibung gerettet worden sind, wohl aber auch in der Heimat selbst liegen geblieben waren: Deutsche Photos in einem polnischen Heimatkundebuch – keine Berührungsängste!
Die Zusammenarbeit mit Historikern, Heimatforschern, Heimatkundlern und mit der dort lebenden Bevölkerung ist eng und erfreulich. Wir Vertriebenen werden als Ansprechpartner gesucht und gefragt – man weiß um unser großes Interesse an der Heimat, an der Landschaft, am Land und an den Menschen. Selbst in den von der Vergangenheit belasteten Gebieten, wie Bromberg (Bromberger Blutsonntag, Potulitz KZ, Potulice Arbeitslager) gibt es in den nächsten Wochen eine erste Tagung unter der Schirmherrschaft des Stadtpräsidenten - mit Austausch der polnischen Wissenschaftler zu ihren Erkenntnissen und den Vertriebenen zu ihren Erfahrungen. Die historischen Standpunkte lagen einst ideologisch nebeneinander und schienen unvereinbar zu sein. Jetzt sind sie angenähert und man tauscht gegenseitig Quellen und Ansichten aus – übrigens unter großem Interesse der jungen Generation und der Presse in Polen.
Ich will hier nicht weiter über die »Leichen im Geschichtskeller« sprechen, wie eine große Tageszeitung ihren Bericht über die Tagung des Polen-Instituts in Darmstadt in großen Lettern titelte. Stattdessen will ich Sie bitten, mit mir in die Konzeption des Zentrums hineinzusehen und all Ihre Bedenken zu äußern, aber bitte konkret und an den Fakten orientiert. Das öffnet Türen und ist hilfreich.
Ich bin gespannt, wie die Konzepte derer aussehen, die nach mir sprechen, und wie sie an dieses Kapitel unserer Geschichte herangehen wollen oder ob sie es auf eine lange Bank schieben. Ich danke Ihnen, dass ich die Konzeption des BdV in Vertretung von Frau Steinbach hier vortragen konnte.

Sibylle Dreher ist Präsidentin des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen

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