18.08.2003
Kristina Kaiserová
Kristina Kaiserová
Beitrag zum Internationalen Colloquium »Ein Zentrum für Vertreibung?« vom 14. – 16.03.2003 in der Akademie Sankelmark

Beitrag zum Internationalen Colloquium »Ein Zentrum für Vertreibung?« vom 14. – 16.03.2003 in der Akademie Sankelmark

  1. Vertreibung als Erinnerungsort der Deutschen und Tschechen ist ein Thema, zu dem ich logisch mit begrenzter Haftung sprechen kann – es sind hier objektive Tatsachen mit subjektiven Erfahrungen und Reflexionen vermischt.
  2. Die Deutschen in Böhmen – um die handelt es sich ja dominant – sind bis 1989 aus der Landesgeschichte ausgeklammert – so wurde die ganze Geschichte entstellt. Es blieben zwar die Bestände in den Archiven erhalten, Exponate in den Museen etc. – für die breite Öffentlichkeit je nach dem Alter war es entweder vorbei oder viele der jüngeren Generation wußten überhaupt nicht, daß die Deutschen hier über Jahrhunderte lang wohnten.
  3. In diesem Zusammenhang kann man vermuten, daß durch diese Tatsache auch die Suche der neuen Ansiedler nach eigener Identität viel schwieriger geworden ist, es fehlte oft jede Beziehung zu dem neuen Ort. Negativ wirkte sich weiterhin auch die fortschreitende Devastation der Landschaft aus – es kam in einigen dieser Gebiete paradoxerweise zu einer weiteren Zwangsmigration – Dörfer und ganze Städte (Most-Brüx z.B.) mussten dem Kohlenbau weichen.
  4. Nach der Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges und danach verblieben auch noch rund 300.000 Deutsche – aus gemischten Ehen, Fachleute etc. Sie waren zuerst lange Jahre diskriminiert (Staatsbürgertum bekamen sie erst 1953 – so sind sie heute z. B. aus den Restitutionen ausgenommen). Viele sind dann noch in den sechziger Jahren ausgezogen. Aufgrund des starken Assimilierungsdruckes war bei den Angehörigen der deutschen Minderheit in der seinerzeitigen Tschechoslowakei ein weitreichender Verlust der deutschen Muttersprache zu beklagen. Der »Prager Frühling« erlaubte im Jahre 1968 eine erste Vereinsgründung, die nach dessen Niederschlagung zwar weiter bestehen konnte, aber politisch gleichgeschaltet wurde. Aber auch die relativ freie Tätigkeit im Jahre 1968 war sehr bescheiden und knüpfte (es ist auch verständlich) an das Vereinsleben der Vorkriegszeit an. Eine Volkszählung aus dem Jahre 1991 ermittelte eine Zahl von nur 48.000 Angehörigen der deutschen Minderheit im seinerzeitigen tschechischen Landesteil. Die Organisationen der deutschen Minderheit schätzen allerdings, daß sich viele der in Tschechien lebenden Deutschen kurz nach der politischen Wende in der damaligen Tschechoslowakischen Republik noch nicht zu ihrer deutschen Herkunft zu bekennen wagten, und gehen von rund 100.000 Deutschen in der Tschechischen Republik aus. Nach dem Jahr 1989 erfolgten weitere Verbandsgründungen. Inzwischen sind 21 Verbände der Deutschen in der Tschechischen Republik aktiv, viele davon im Hultschiner Ländchen. Als Dachverband der 21 Verbände wurde im November 1992 die Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien gegründet.
    Das Hauptziel der Landesversammlung ist die Wiederbelebung der deutschen Sprache und die kulturelle Selbstverwirklichung der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik. Wie erfolgreich es in der im ganzen Land versteuten Minderheit ist, läßt sich schwer feststellen – jedenfalls finde ich in den entscheidenden Diskussionen keine wichtige Resonanz ihrerseitens – trotzdem darf man die Aktivitäten einiger Begegnungszentren (z.B. in Liberec/Reichenberg und Opava/ Troppau) nicht unterschätzen.
  5. Nach dem Jahr 1989 wurde die Problematik der Deutschen in Böhmen und so auch die Vertreibung intensiv bearbeitet. Es erschienen wissenschaftliche Synthesen (Tomáš Staněk) und es wurden Publikationen übersetzt (Detlef Brandes), zahlreiche Diplomarbeiten geschrieben. etc. Auch eine wissenschaftliche Gesellschaft für die Geschichte der Deutschen in Böhmen wurde gegründet.
  6. Die überwiegende Stellung der tschechischen Historiker zur Vertreibung ist, daß man sie in breiterer europäischer aber auch inheimischer Entwicklung bewerten muß, und man unterscheidet die sg. wilde Vertreibung bis zur Potsdamer Konferenz und die, vor allem im Jahre 1946 folgende, reguläre Aussiedlung. Diese, glaube ich, bekannten Tatsachen, bringen aber zu dem angesprochenen eine wichtige Frage – wieweit diese wissenschaftlichen Arbeiten das allgemeine historische Bewußtsein beeinflussen? Meiner Meinung nach doch. Dazu einige Beispiele:
    • das Buch Sudety pod hákovým křížem (Sudetenland unter dem Hakenkreuz) 2002 erschienen wurde zu einem allgemeinen Bestseller. Hier kann man vermuten, daß das Thema besonders nach den Emotionen des letzten Jahres wieder aktueller als je ist, auch alte Erinnerungen kommen öfters zurück.
    • regionale Schriften sind besonders gefragt – Erfahrung Ústí nad Labem /Aussig a. E.
    • alle Titel zum Thema Geschichte (Geschichte der Stadt, Memoirenreihe etc.) waren schnell vergriffen, die älteren Leute konfrontieren mit dem Text ihre eigenen Erfahrungen, identifizieren sich aber auch mit der Stadt selbst.
  7. Die Erinnerungen, Erfahrungen, welche teilweise durch sogenannte Oral-History oder Memoiren an das Tageslicht kommen, tragen selbstverständlich das Risiko der subjektiven Quellen, bringen wichtigen Einblick in das Denken der Vertriebenen sowie auch der Gebliebenen. Als Erinnerungskultur sind sie besonders wichtig für alle, die, durch welche Form auch immer, von Zwangsmigration betroffen waren, als Rückbindung, die die reale Heimat ergänzt, als Möglichkeit Heimatintegrität zu erhalten. Trotzdem hat für jeden Einzelnen der Begriff Heimat einen etwas anderen Inhalt –vergleichendes Material für Ústí n. L. / Aussig a. E. zeigt trotz gemeinsamer Jugendzeit in einer ziemlich offenen Stadt anderen Heimatbegriff bei der Gerda Eckelt (Deutsche), Bedřich Rohan (deutscher Jude), Ilse Liebzeit (deutsche Halbjüdin) und Jiří Šosvald (Tscheche). Die Vertreibung wird auch (Gerda Eckelt – sie ist aber keine Ausnahme) im Zusammenhang als Strafe für die Vernichtung der Habsburger-Monarchie interpretiert, wir finden unter den Vertreibensmeinungen aber auch Erleichterung, falls man nicht in der DDR lebte, daß man sich das Kommunistenregime ersparen konnte. Da ist wieder die Strafe für die tschechischen Verräter. Für den Tscheche Šosvald ist die Vertreibung auf Grund eigener Erfahrung verständlich, trotzdem aber auf Grund der gemeinsamen Bereicherung in den vielen Jahrhunderten schade – diese Meinung ist aber, glaube ich, in der Tschechischen Republik kaum überwiegend.
  8. Nach dem Jahr 1989 kam es öfters zum Treffen ehemaliger Mitbürger – im Bereich von Ortschaften aber auch konkreter Familien mit oft sehr guten Resultaten. In persönlicher Linie vergaß man oft negative Konotationen – im Globalen aber blieb man am gegenseitigen Ablehnungsstandpunkt – nicht nur auf der tschechischen Seite.
  9. Dazu kommt die Rolle der Medien. Positiv ist sicher, daß man sich öfters bemüht die Vertreibungsproblematik aus allen Sichten zu gestalten – da möchte ich betonen, daß auch im vorigem emotionellen Jahr ganz offene Informationen und Meinungen vermittelt wurden – so mindestens wurde die tschechische Bevölkerung mit allen Ansichten auf die Vertreibung, Beneš-Dekrete etc. konfrontiert und man diskutiert es auch.
    Es gibt es aber auch Formen der Medienarbeit – wenn ich alle extreme Stellungen wie Schriften der überwiegend exkommunistischen Grenzschutzorganisation oder des Wittiko-Bundes beiseitelasse, handelt es sich hauptsächlich um Mißbrauch der Geschichte von der Politik aus – diese »politische Sprache« übernahmen auch einige Journalisten. Die Historiker sollten in jedem Fall außer Spiel der aktuellen Politik bleiben.
  10. Was hier vorgetragen wurde, ist selbstverständlich nur ein Versuch diese breite Problematik zu erfassen.
    Für wichtig finde ich weiterhin und das ist, glaube ich, etwas Allgemeines , möglichst breit daran zu arbeiten, unterschiedliche Meinungen präsentiern und versuchen zu verstehen samt der nicht immer erfreulichen Selbstkenntnis. Dazu können zum Beispiel Ausstellungen dienen – die Austellung »Intoleranz. Tschechen – Deutsche und Juden 1938-1948« in Aussig und Umgebung war in dieser Richtung sehr bedeutend, und der Katalog ist nach Jahren immer noch gefragt.
    Besonders akzentiern sollte man, daß aus gegenseitiger Angst nichts Vernünftiges entstehen kann. Und diese Angst existiert hier neben anderem selbstverständlich vom Anfang des Zusammenlebens beider Völker an (deswegen ist auch verführend Antworten für spätere Probleme erst im 19. oder sogar 20. Jahrhundert zu suchen). Diese Aufklärung kann selbstverständlich die Geschichte nicht ändern, aber verständiger machen. Weiter – es ist grundsätzlich wichtig die Triade Moral, Politik und Geschichte einzuhalten – die beiden letzten dürfen aber keine Entschuldigung für Moral werden. Das ist leider weitgehend noch nicht klar.
  11. Über das »Denkmal gegen Vertreibung« ist, scheinbar, nach den Vorstellungen des BdV. entschieden, so ist es irrelevant dazu zu diskutieren.

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