Zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer

Zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer
Zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer
Victor Klein war der letzte Deutsche in Helenendorf/Göygöl, sein Wohnhaus dient heute als Museum.
Das Eingangsstor zum Friedhof von Helenendorf/Göygöl am Fuße des Kleinen Kaukasus.

Zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer

Südkaukasien bezeichnet die Region, die sich südlich der Hauptkette des Großen Kaukasus erstreckt und heute die Länder Georgien am Schwarzen Meer, Teile Armeniens sowie Aserbaidschan am Kaspischen Meer umfasst. Die Landschaft am Schwarzen Meer ist von über achtzig Prozent Bergland bedeckt, das bis zum Großen Kaukasus auf über 5000 Meter ansteigt. Die Gegend am Kaspischen Meer wird vom Steppentiefland zweier Flüsse geprägt, erhebt sich aber nach Westen zum armenischen Hochland und zum Kleinen Kaukasus. Im Norden und Süden begrenzen Russland, die Türkei und Iran die Region.

Eurasischer Grenzbereich als Auswanderer-Mekka?

Als Grenzgebiet, dessen charakteristische Eigenschaft bis heute die Vielfalt seiner Ethnien, kulturellen Traditionen, Sprachen sowie religiösen Identitäten ist, stand Südkaukasien traditionell zwischen dem osmanischen, russischen und persischen Reich. Dabei erlaubte die Lage als periphere Landbrücke oftmals eine kulturelle und teilweise auch politische Selbständigkeit. Diesen Durchgangskorridor zur Seidenstraße bereisten bereits im Mittelalter nicht nur deutsche Gesandte, Gelehrte und Entdecker. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts förderte die russische Kaiserin Katharina II. deutsche Forscher bei der wissenschaftlichen Ergründung des Kaukasus. 1801 behauptete sich Russland gegen die Machtansprüche der Türkei und Persiens und annektierte das Königreich Georgien. Bis 1826/28 kam das nördliche, von Persien abhängige Gebiet Aserbaidschans hinzu, das in zahlreiche Khanate unterteilt war.

Bereits mit dem Regierungsantritt Katharinas 1762 hatte die planmäßige Übersiedlung von deutschen Bauern nach Russland zur Urbarmachung bestimmter Landesteile begonnen. Die deutschen Siedler, in ihrer Heimat mit Verarmung der Landbevölkerung und Hungersnöten konfrontiert, erhielten Privilegien wie die Befreiung von Steuern und vom Militärdienst sowie Glaubensfreiheit und das Recht auf Selbstverwaltung.

Der russische Kaiser genehmigt Schwabendörfer

Direkter Auslöser für die Gründung deutscher Kolonien in Südkaukasien war das Gesuch von Repräsentanten Baden-Württembergs an den russischen Kaiser Alexander I., dort siedeln zu dürfen. Ab 1817/1818 entstanden acht Mutterkolonien im heutigen Georgien und Aserbaidschan, die bald Schwabendörfer genannt wurden:

  • Marienfeld,
  • Elisabethtal,
  • Neutiflis, früher ein Vorort der georgischen Hauptstadt, heute in ihrem Zentrum gelegen,
  • Alexandersdorf, das seinen Namen zu Ehren des russischen Kaisers erhielt,
  • Petersdorf,
  • Katharinenfeld, nach der Königin von Württemberg und Schwester Kaiser Alexanders I. benannt – die zentrale Verwaltung der Siedler, heute das georgische Bolnisi,
  • Helenendorf und
  • Annenfeld im heutigen Aserbaidschan.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts lebten dort bis zu 40.000 Deutsche. Ihnen schlossen sich auch andere Übersiedler wie Schweizer, Holländer und Italiener an.

Wein aus Amphoren

Der Weinanbau ist in Südkaukasien wegen der günstigen klimatischen Bedingungen schon seit dem 5. Jahrtausend vor Christus bezeugt. Er bildete die Haupteinkommensquelle der deutschen Siedler. Manche schlossen sich zu Genossenschaften zusammen, deren ertragreichste, die Concordia in Helenendorf, auch nach der Kollektivierung erfolgreich arbeitete. Die reiche Weinhandelsfirma der Brüder Vohrer war nicht nur in den Kellerwirtschaften des einheimischen Marktes, sondern vor allem am Hofe des russischen Zaren hoch geachtet. Für die guten Erträge war auch die Fortschrittlichkeit der deutschen Siedler ausschlaggebend, von denen der Winzer Schall im Wald eine neue georgische Rebsorte fand, die um 1900 großflächig angepflanzt wurde. Auch Kupfer war ein wichtiger Rohstoff, den vor allem die Firma Siemens für ihre Telegrafendrähte abbaute.

Privilegien gehen verloren

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hoben die neuen russischen Machthaber versprochene Privilegien wieder auf. 1915 betrafen die Liquidationsgesetze zunächst vor allem Deutsche in den Städten (vor allem Geschäftsleute in Tiflis und Baku), ihre Umsetzung in den Kolonistendörfern war lange verzögert und durch die Februarrevolution 1917 ausgesetzt worden. Nach dem Ersten Weltkrieg, als antideutsche Stimmungen eskalierten, sahen sich die deutschen Siedler in Georgien und Aserbaidschan willkürlichen Enteignungen und Verhaftungen ausgesetzt. Auf Befehl Stalins wurden im Oktober 1941 die deutschen Kolonisten, in Georgien über 24.000, in Aserbaidschan mehr als 23.000, nach Kasachstan und Sibirien deportiert, nur wenige kehrten in ihre Dörfer zurück.

Auf Wein lässt sich auch in Zukunft bauen...

Ab 1955 wurde der Kriegszustand zwischen Deutschland und Russland für beendet erklärt. Diplomatische Beziehungen wurden aufgenommen und die Sondersiedlungen der Deutschen aufgegeben. Allerdings durften die Deportierten nicht in ihre ursprünglichen Herkunftsgebiete innerhalb Russlands zurückkehren. Die wenigen noch in Georgien oder Aserbaidschan lebenden Deutschen sind häufig deutsche Ehepartner von Einheimischen beziehungsweise deren Kinder und Enkel. Immerhin beginnt Aserbaidschan, das Thema deutsche Vergangenheit für den Tourismus zu entdecken: Göygöl (ehemals Chanlar), das frühere Helenendorf, dem man die Kolonistendorf-Struktur noch deutlich anmerkt, ist Hauptstation einer »Deutschen Weinroute«.

Unser Tipp

Vor den Toren der Stadt liegt der riesige Friedhof von Göygöl am Fuße des Kleinen Kaukasus. Hält man sich vom Haupteingang aus links, gelangt man entlang unzähliger Grabmäler mit gleißenden Silberkuppeln nach einiger Zeit auf den ehemaligen deutschen Friedhof, dessen jüngstes Grab aus dem Jahr 2007 stammt. Victor Klein war der letzte Deutsche in Göygöl, sein Wohnhaus dient heute als Museum.

Links

Das Goethe-Institut in Tbilissi
Die Website des Goethe-Instituts Tbilissi stellt das Projekt »Deutsche in Georgien« vor. Sie enthält darüber hinaus Zeitzeugeninterviews und Kurzbiografien berühmter Kaukasusdeutscher

Rolf Biedlingmaier: Ein Kaukasus-Deutscher erinnert sich
Eine Sendung des Deutschlandfunks vom 16.6.2001 zum Thema Kaukasusdeutsche

Infodienst Russland Deutschland
Diese Website informiert über die Aktivitäten Deutscher in Russland

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