Ein Musterländchen im Süden Ungarns

Ein Musterländchen im Süden Ungarns
Ein Musterländchen im Süden Ungarns
Weinbauerndorf in der Schwäbischen Türkei

Nomen est omen?

Der Begriff »Schwäbische Türkei« kam im 19. Jahrhundert zunächst mit zweifelhafter Konnotation auf. Er bezog sich zu Beginn nur auf die deutsch besiedelten Orte des Komitats Baranya (deutsch: die Verwaltungseinheit Branau). Mit der positiven Annahme des Begriffs durch die deutschen Siedler selbst wurde er allmählich auch auf die Nachbarkomitate Tolna (Tolnau) und Somogy (Schomogei) ausgedehnt.

Zuzug schwäbischer Bauern und Handwerker

In den 1540er Jahren hatten die Osmanen das südliche Ungarn vollständig in ihr Imperium eingegliedert. Die Stadt Fünfkirchen (ungarisch Pécs, türkisch Peçuy) wurde zu einem muslimischen Regionalzentrum mit Strahlkraft Richtung Balkan. Die osmanische Herrschaft, die christlichen Rückeroberungsversuche im 17. Jahrhundert, gegen Ende des Jahrhunderts schließlich die Verdrängung der Osmanen durch die Habsburger führten zu einer massiven Entvölkerung der Region. Bei der Neubesiedlung hatten deutsche (»schwäbische«) Bauern und Handwerker einen hohen Anteil; sie waren überwiegend katholisch und stammten meist aus süd- und mitteldeutschen Ländern sowie weiteren Herrschaftsgebieten der Habsburger. Die Dörfer und die Marktflecken, die diese Siedler allmählich aufbauten, sollten sich als Musterbeispiele für Acker- und Weinbau und fürs Gewerbe etablieren. Die wichtigste Stadt der Region war der Bischofssitz Fünfkirchen/Pécs, der im 19. Jahrhundert etwa zu je einem Drittel von Ungarn, Südslawen und Deutschen bewohnt war. Die Deutschen assimilierten sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts weitgehend an die ungarische Kultur, während große Teile der neu entstehenden Berg- und Industriearbeiterschaft ebenfalls deutschen Hintergrund hatten. Zwischen den schwäbischen Bauern des Umlandes und dem deutschsprachigen Bürgertum Fünfkirchens bestand jedoch kein Austausch.

Magyarisierung um 1900

Die massiven Magyarisierungsbestrebungen der ungarischen Regierungen um 1900 zeitigten unter den »Donauschwaben«, wie die neuzeitlichen deutschen Siedler Ungarns ab dem 20. Jahrhundert genannt wurden, durchaus Erfolge. In der Zwischenkriegszeit blieb die Schwäbische Türkei, deren südlichste Teile durch die neue Grenzziehung an Jugoslawien gefallen waren, eines der entscheidenden Zentren der deutschen Minderheit des deutlich geschrumpften Ungarn. Auf die Instrumentalisierungsversuche durch die deutschen Nationalsozialisten reagierten ihre Angehörigen unterschiedlich. Nach 1945 entrechtet und teilweise interniert oder deportiert, wurde 1946–1948 schließlich rund die Hälfte der Deutschen aus Ungarn in die deutschen Besatzungszonen ausgewiesen. Die Verbliebenen erhielten ihre Staatsbürgerrechte ab den 1950er Jahren wieder, wurden als Minderheit aber nur sehr allmählich gewürdigt. Heute sind die Ungarndeutschen in der Region wohlorganisiert, in den meisten Familien ist Deutsch jedoch zur Zweitsprache geworden.

Wirtschaftsfaktor Donauschwaben

Während uns Deutsche im südlichen Ungarn während des Mittelalters vor allem als Kaufleute und Handwerker begegnen, war die Mehrheit der deutschen Siedler des 18. Jahrhunderts Bauern; eine wichtige Rolle spielten sie auch als Grundherren und Geistliche in den neu vergebenen Gebieten sowie als Handwerker in den Marktflecken und Kleinstädten. Eine neue deutsche Subkultur entstand schließlich durch Kohlebergbau im Umfeld des Mecsek-Gebirges im 19. Jahrhundert, so dass letztlich die Landbevölkerung und die Bergarbeiterschaft die prägenden deutschsprachigen Gruppen in der Schwäbischen Türkei wurden.

Kultur

Dank der »Selbstverwaltungen«, also der Organisation auf Nationalitätengrundlage, entfaltet die deutsche Minderheit in Ungarn eine zunehmende kulturelle Tätigkeit, generationenübergreifend auf allen Ebenen in Stadt und Land. Das Angebot ist jedoch vor allem im regionalen und lokalen Kontext wahrnehmbar. Mehr unter Donauschwaben.

Perspektiven

Die Ungarndeutschen sind schon seit Generationen in die ungarische Gesellschaft integriert und identifizieren sich stark mit dem Staat. Während der Ausweisung aus Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg sangen viele die ungarische Nationalhymne, nicht wenige kehrten anschließend illegal wieder ins Land zurück. Die alten deutschen Mundarten werden auf dem Lande teilweise noch gepflegt. Im Allgemeinen ist die Minderheit zweisprachig, wobei das Deutsche eher auf der funktionalen Ebene benutzt wird.

Unser Tipp

Weinverkostung in einer Kellerei auf einem der schwäbischen Dörfer in der Umgebung von Fünfkirchen, beispielsweise die Kellerei Roth in Deutsch-Bóly oder eine der Weinkellereien im Weinanbaugebiet Villány.

Literatur

Fata, Marta (Hrsg.): Die Schwäbische Türkei. Lebensformen der Ethnien in Südwestungarn. Sigmaringen 1997

Links

Das Lenau-Haus
Die kulturelle Institution der deutschen Minderheit in Ungarn

Folgende Veranstaltungen könnten Sie auch interessieren:

Folgende Ausstellungen könnten Sie auch interessieren:

Folgende Publikationen könnten Sie auch interessieren:

      • Seitenanfang