Goldene Stadt an der Moldau mit tschechisch-deutsch-jüdischer Kulturgeschichte

Goldene Stadt an der Moldau mit tschechisch-deutsch-jüdischer Kulturgeschichte
Unter Kaiser Karl IV. entstand neben anderen Prager Wahrzeichen die Karlsbrücke, die Kleinseite und Burg mit der Altstadt verbindet .

Im Herzen Böhmens

Im Tal der Moldau erstreckt sich die Hauptstadt der Tschechischen Republik. Bis weit auf die umgebenden Hügel und die Prager Hochfläche reichen die Ausläufer der »Goldenen Stadt«, die den Flussverlauf der Moldau auf 30 Kilometern umschließt. Auf einer Fläche von etwa 550 km2 leben hier ca. 1,2 Millionen Menschen.

Stadt der Vielfalt

Prag, das im 9. Jahrhundert als Überquerungspunkt der Moldau eine politische und wirtschaftliche Zentralstellung in Böhmen erlangt hatte, beheimatete schon immer unterschiedliche Gruppen. Neben den Tschechen war hier eine deutsche Minderheit ansässig, die zunächst nur aus wenigen Kaufleuten und Klerikern bestand, jedoch mit der deutschen Ostsiedlung im 13. Jahrhundert erheblich zunahm. Außerdem gab es bereits seit dem 10. Jahrhundert eine jüdische Gemeinschaft, die seit 1254 eine gesonderte Rechtsstellung und Verwaltung besaß. Karl IV. erhob die Stadt im 14. Jahrhundert zum Mittelpunkt der böhmischen Krone und des Deutsch-Römischen Reiches. In der Zeit um 1400 entwickelte hier Jan Hus mehr als hundert Jahre vor Luther seine Kritik an den Kirchenstrukturen, wodurch die Stadt zu den Geburtsstätten der europäischen Reformation gehört. Mit dem legendären Prager Fenstersturz 1618 begann der Dreißigjährige Krieg. Das mehrsprachige Zusammenleben in der seit dem 16. Jahrhundert habsburgischen Residenzstadt war sowohl von einem fruchtbaren gegenseitigen Austausch als auch von wiederkehrenden Konflikten gekennzeichnet. Nationalstaatliche Ideen und damit einhergehende nationalistische Strömungen im 19. Jahrhundert führten zunehmend zu Abgrenzungsbestrebungen auf deutscher wie auf tschechischer Seite. Mit der Besetzung Böhmens durch das nationalsozialistische Deutschland 1938, der Verfolgung und Ermordung der Prager Juden sowie der Vertreibung der deutschen Bürger nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Vielfalt für immer verloren.

»Es brodelt und kafkat, werfelt und kischt«

Schon seit dem Mittelalter war Prag eine Kultur- und Wissenschaftsmetropole von grenzüberschreitender Bedeutung. 1348 wurde hier die erste Universität Mitteleuropas gegründet, die auch viele Studenten und Gelehrte aus deutschsprachigen Regionen anzog. Im 16. Jahrhundert kamen Wissenschaftler und Künstler aus ganz Europa in die Residenzstadt Rudolfs II. Weltweit bekanntester Ausdruck der deutsch-jüdisch-tschechischen Multikulturalität der Stadt ist die Prager deutschsprachige Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vertreter sind der expressionistische Autor Franz Werfel oder der legendäre »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch, dem das Wortspiel in der Überschrift zugeschrieben wird. Der inzwischen berühmteste literarische Sohn der Stadt ist jedoch Franz Kafka, dessen Werk durch seinen Freund Max Brod für die Nachwelt gerettet wurde.

Kafka als Standortvorteil

Zu Mythos und Anziehungskraft Prags trägt der einer jüdischen Familie entstammende wirkungsmächtigste deutschsprachige Autor des 20. Jahrhunderts entscheidend bei. Dies zeigt sich in den zahlreichen Kafka-Souvenirs, die überall angeboten werden. Der Tourismus gehört bei über vier Millionen Besuchern im Jahr zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Prags. In der Prager Region ist etwa zehn Prozent der nationalen Industrie angesiedelt. Haupthandelspartner der Stadt ist wie schon in früheren Zeiten Deutschland.

Wachsendes Interesse an Prager deutscher Kultur

Trotz des tiefen Einschnitts durch den Zweiten Weltkrieg kann man in Prag heute noch Spuren seiner deutschen Geschichte entdecken. So gibt es Gedenktafeln für berühmte Kinder der Stadt wie den Schriftsteller Johannes Urzidil oder die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner. Die Prager Zeitung und der Vitalis Verlag führen die deutschsprachige Publikationstradition der böhmischen Metropole fort, Radio Prag sendet ebenfalls in deutscher Sprache. Inzwischen interessieren sich auch Tschechen zunehmend für Werke von Franz Kafka und anderen Prager deutschen Autoren. Bereits seit 1990 gibt es die Franz-Kafka-Gesellschaft, die sich um die tschechische Übersetzung des Gesamtwerks verdient gemacht hat. Sie gründete 2004 mit Lenka Reinerová, der inzwischen verstorbenen letzten deutschsprachigen Prager Schriftstellerin, das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren.

Unser Tipp

Das Kabinett der Prager deutschsprachigen Literatur im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren bietet dem Besucher die Möglichkeit, in wertvollen Erstausgaben zu lesen sowie Fotos und Dinge aus dem persönlichen Besitz der Schriftsteller in den Händen halten. Außerdem organisiert das Literaturhaus für Gruppen literarische Spaziergänge durch die Stadt.

Literatur

Binder, Hartmut: Literaturreisen Prag. Stuttgart 1992

Binder, Hartmut (Hg.): Prager Profile. Vergessene Autoren im Schatten Kafkas. Berlin 1991

Demetz, Peter: Mein Prag. Wien 2007

Dömling, Wolfgang: Prag. Literarische Spaziergänge. Berlin 2011

Ledvinka, Václav: Prag. In: Handbuch der historischen Stätten. Böhmen und Mähren. Hg. v. Joachim Bahlcke u. a. Stuttgart 1998, S. 470–491

Neruda, Jan: Geschichten aus dem alten Prag. Stuttgart 1992

Reinerová, Lenka: Das Traumcafé einer Pragerin. Berlin 2008

Rokyta, Hugo: Die Böhmischen Länder: Prag. Handbuch der Denkmäler und Gedenkstätten europäischer Kulturbeziehungen in den Böhmischen Ländern. Prag 1997

Wagenbach, Klaus: Kafkas Prag. Ein Reiselesebuch. Berlin 1993

Weger, Tobias: Kleine Geschichte Prags. Regensburg 2011

Links

www.prag-aktuell.cz

Nachrichten aus Prag und Tschechien, Stadtmagazin, Presseschau, Schwarzes Brett

http://www.sueddeutsche.de/thema/Prag

Website der Süddeutschen Zeitung mit Reisetipps, Bilder, Sehenswürdigkeiten und Reiseangeboten zu Prag

http://www.praguewelcome.cz/de/

Offizielles Tourismusportal der Stadt Prag mit vielen Kulturtipps

Folgende Veranstaltungen könnten Sie auch interessieren:

Folgende Ausstellungen könnten Sie auch interessieren:

Folgende Publikationen könnten Sie auch interessieren:

Schlagwörter

      • Seitenanfang