aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Kulturpreises 2007

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aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Kulturpreises 2007
aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Kulturpreises 2007 gehalten am 5. Dezember 2007 in Berlin
Dr. Burkhardt Göres
Dr. h.c. Imants Lancmanis
Rundāle/Ruhental: Schlossanlage aus der Vogelperspektive
Schloss Rundāle/Ruhental: Treppenhaus
Dr. h. c. Imants Lancmanis während seiner Dankesrede

Im Sommer 1974 hatte ich das Glück, einen ganz besonderen Menschen kennenzulernen – eine Bekanntschaft, die sich bald zu einer lebenslangen Freundschaft entwickelte. Auf der Suche nach preußischen Seidenstoffen erschien Imants Lancmanis aus Lettland bei mir im Berliner Kunstgewerbemuseum und besichtigte die Sammlungen im Schloss Köpenick. Im Anschluss an das Studium der Berliner Seiden in der Textilsammlung setzten wir unsere Gespräche nach dem Abendbrot zu Hause fort und ehe man es sich versah, graute der Morgen. Der beigegebene Dolmetscher, ein bulgarischer Student, der bald überflüssig war, wusste nicht, wie ihm geschah. Zwei brennend Interessierte fachsimpelten endlos über das friderizianische Rokoko in Potsdam und in Kurland, über die Beziehungen der Herzöge von Kurland zu BrandenburgPreußen überhaupt sowie die der Herzöge im 18.Jahrhundert zur Kunst und Kultur in Berlin, als der letzte Herzog sogar zwei Paläste in Berlin besaß: Schloss Friedrichsfelde und das Kurländer Palais Unter den Linden.

Anhand von Fotos und Dias lernte ich in dieser Nacht Schloss Ruhenthal/Rundāles pils, die Sommerresidenz der Herzöge von Kurland, und das Residenzschloss in Mitau/Jelgava kennen – einzigartige frühe Schöpfungen von Bartolomeo Rastrelli (1700–1771) aus den dreißiger Jahren des 18.Jahrhunderts, die seinen großen Werken in St.Petersburg vorausgingen. Aber während das Residenzschloss in Mitau nach einer glänzenden Periode im 18.Jahrhundert bereits im 19.Jahrhundert, dann 1919 und noch einmal während des Zweiten Weltkrieges ausbrannte, hatte ein gütiges Schicksal Ruhenthal vor Ähnlichem bewahrt und das Schloss wartete auf seine Wiedererweckung. Dieser Aufgabe hatte sich eine kleine Mannschaft unter dem Dach des Kunst und Heimatmuseums Bauska seit 1966 verschrieben.

Hier war Imants Lancmanis nach seinem Studium in Riga seit 1964 als Wissenschaftler tätig und übernahm 1966 die Leitung der Zweigstelle Schloss Rundāle des Kunst und Heimatmuseums Bauska, die ab 1972 als selbständiges Museum firmierte. 1975 wurde er zum Direktor berufen – ein Amt, das er bis heute ausübt. Das Schloss Ruhenthal mit dem gesamten Komplex seiner Probleme wurde seitdem für Lancmanis und seine Frau Ieva (†), eine DiplomRestauratorin, endgültig zur Lebensaufgabe. Sein Studium der Malerei und der Kunstgeschichte wie auch seine menschliche Qualitäten boten in einer allseits anerkannten seltenen Symbiose mit ebensolchen Fähigkeiten und dem Engagement seiner Frau die ideale Voraussetzung für die Wiedergewinnung eines Meisterwerks europäischer profaner Barockarchitektur. Beide verstanden es auch, eine kleine Gruppe Wissenschaftler und Restauratoren um sich zu scharen und durch ihre Visionen mitzureißen.

Weshalb war aber unser erstes Treffen für mich so packend? Das Schicksal hatte Schloss Ruhenthal im 18.Jahrhundert, wie ursprünglich auch die Residenz in Mitau, eng mit dem friderizianischen Rokoko verbunden – eine Tatsache, die von Berlin und Potsdam aus bis dahin kaum beachtet worden war. Die Lebensgeschichte des Herzogs Ernst Johann Biron von Kurland (1690–1772) mit ihren Brüchen, der Verbannung 1740 und der Ausschlachtung seiner Schlösser in Kurland in den folgenden Jahren erzwang nach seiner Wiedereinsetzung 1762/63 durch KatharinaII. (1729–1796) die Vollendung des Bauwerks bzw. seine Neuausstattung. Mit der Berufung des Stukkateurs Johann Michael Graff aus Berlin kam 1765 auch das preußische Rokoko nach Kurland. Hervorgegangen aus der Wessobrunner Schule, waren er und seine Gehilfen in den preußischen Residenzen Berlin und Potsdam an den Bauten König FriedrichsII. (1712–1786) von Preußen beteiligt. Letzte Spuren seines Wirkens in Berlin waren zweifellos die Dekorationen des Festsaals und der Marmorgalerie im Schloss Schönhausen, geschaffen zwischen 1763 und 1765.

Nach der Abdankung von Herzog Peter von Kurland 1795 und seiner Übersiedlung mit der Ausstattung des Schlosses auf seine schlesischen Besitzungen war Schloss Ruhenthal von KatharinaII. dem Grafen Valerian Subow übertragen worden, ging von ihm auf den letzten Favoriten der Kaiserin, Fürst Platon Subow, über und gelangte durch Heirat an einen Zweig der Familie der Grafen Schuwalow. Während des Ersten Weltkrieges und in den Wirren der Ereignisse von 1919 verschwand auch die von den Subows und den Schuwalows eingebrachte Ausstattung. Mit der Enteignung des Großgrundbesitzes in der Lettischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg in staatliche Obhut übergegangen, diente das Schloss als Schule, eine Nutzung, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1978 noch im Ostflügel weitergeführt wurde.

In den Stunden meines ersten Treffens mit Imants Lancmanis erstand für mich die strahlende Vision der Zukunft von Schloss Ruhenthal. Die Restaurierung schritt bereits seit Jahren voran und war mit höchstem Anspruch geplant. Der Beschluss des Ministerrates der Lettischen Volksrepublik hatte 1965 den Start ermöglicht. Da Ruhenthal in der Lettischen Republik und der Sowjetunion als ein Baudenkmal und Kunstwerk von höchstem Rang anerkannt wurde, standen seit den siebziger Jahren auch entsprechende Mittel zur Verfügung. Leningrader Restauratoren wirkten hier neben lettischen. Enge Verbindungen bestanden zu den Restaurierungsabteilungen der Rigaer Museen, der Staatlichen Eremitage, den Zentralen Staatlichen Restaurierungswerkstätten in Moskau und den Zentralen Wissenschaftlichen Forschungslaboratorien für Konservierung und Restaurierung von Museumskostbarkeiten in Moskau. Unter der Leitung von Imants Lancmanis und der Mitwirkung der begeisterten kleinen Mannschaft von Ruhenthal wurden Methoden der Restaurierung des Schlosses und der wachsenden Sammlungen von höchstem europäischen Standard entwickelt.

Man hatte sich die Aufgabe gestellt, bei der Einrichtung des Schlosses Ruhenthal zwei Wege zu verfolgen: einerseits das Ensemble des Schlosses mit all seinen Nebengebäuden, Marställen und Remisen samt dem ehemals großartigen Park zu restaurieren, anderseits die Entwicklung der angewandten Kunst in Lettland vom Mittelalter bis zum 19.Jahrhundert – ein Profil, das es in dieser Form in Lettland bis dahin nicht gab – zusammenzutragen und in neutralen Räumen zu präsentieren.

Dank der Initiative, Hingabe und Konsequenz von Imants Lancmanis entstand, über alle Hindernisse des Sowjetalltags hinweg, auch eine Dokumentationsabteilung zu allen bedeutenden Bau und Kunstdenkmälern Lettlands. Zu diesem Zweck wurden jährliche Expeditionen von Mitarbeitern und engagierten Studenten der Kunstgeschiche und Architektur organisiert. Erste persönliche Aufzeichnungen von Lancmanis dazu datieren in das Jahr 1958, als er mit Leopolds Kļaviņš (später stellvertretender Direktor) Forschungsfahrten auf eigene Faust unternahm. War die Zielrichtung in den frühen Jahren jeweils die Aufnahme vom Untergang bedrohter Denkmäler eines bestimmten Bezirkes des Landes, so wandelte sich der Charakter der Expeditionen bald zur allseitigen Erfassung von Baudenkmälern oder Ensembles. Mitunter haben Ruhenthaler Restauratoren sogar vor Ort Sicherungsarbeiten durchgeführt. Es entstanden jeweils umfangreiche Dossiers mit Fotos, Aufmaßen und Notizen, die über ein Lochkartensystem erschlossen wurden. Geborgene Kunstwerke und Fragmente aus Schlössern und aufgegebenen Kirchen sammelte man in den Depots von Ruhenthal. Oft waren diese Expeditionen gerade noch zur rechten Zeit vor Ort, um Zustände zu erfassen, die schon wenige Jahre später nicht mehr in dieser Form erhalten waren. In den Wintermonaten wurden dann Forschungen zu den Schlössern Ruhenthal und Mitau sowie anderen Baudenkmälern in Rigaer, Leningrader und Moskauer Archiven fortgesetzt. Lancmanis beauftragte mit derartigen Arbeiten in jenen Jahren neben seinen Mitarbeitern auch politisch missliebige Wissenschaftler, die durch Ränke ihre Arbeit verloren hatten.

Lancmanis gelang es sogar, Kontakte zu ehemaligen Besitzern der Güter und Schlösser in Kurland, Semgallen und Livland (historische Regionen Lettlands) zu knüpfen, die heute in Deutschland, Schweden, Frankreich und Großbritannien leben – zu Sowjetzeiten alles andere als selbstverständlich. So kamen auch historische Fotos und Kopien von Dokumenten aus privaten Archiven, dem HerderInstitut, Marburg, und dem Bildarchiv Foto Marburg in die Dokumentationsabteilung in Ruhenthal. Auf diese Weise gewann sie eine nicht voraussehbare Vollständigkeit, die heute für jedes Vorhaben einer Restaurierung oder Rekonstruktion der Baudenkmalpflege in Lettland eine unentbehrliche Grundlage und gleichzeitig einen Schatz für die Forschungen zur Kunstgeschichte Lettlands und die Familienforschung des baltischen Adels bildet.

Einem ersten persönlichen Besuch in Lettland 1975, bei dem Imants Lancmanis mir auch Riga nahebrachte und mich illegal nach Ruhenthal mitnahm (das von Ausländern erst unter Gorbatschow besucht werden durfte), folgten in den nächsten Jahren viele weitere heimliche Besuche. So war es mir vergönnt, die Fortschritte der Freilegung und Restaurierung der großartigen Stuckdekorationen und der Deckengemälde oder die Vollendung der Restaurierung der beiden Treppenhäuser von Rastrelli – seine wichtigsten erhaltenen Schöpfungen der 1730er Jahre – zunächst noch auf den Gerüsten aus nächster Nähe bis zur Fertigstellung verfolgen zu können.

Die Breite der gleichzeitig in Angriff genommenen Arbeiten, die Restaurierung der wandfesten Dekoration, der Fußböden und Türen, die Rekonstruktion der Seidenstoffe in Moskauer Spezialwerkstätten sowie die Restaurierung der beweglichen Kunstwerke – all dies rang immer wieder aufs Neue Bewunderung ab und vermittelte den Anspruch und die schier übermenschliche Energie und Hingabe von Imants Lancmanis unter den damaligen schweren Bedingungen.

Bei jedem Besuch gab es aber auch außerhalb Ruhenthals Neues zu besichtigen. Einmal waren es die Ruinen des von dem St.Petersburger Architekten Giacomo Quarenghi (1744–1817) erbauten Schlosses Elley/Eleja der Grafen Medem, für das auch der junge Karl Friedrich Schinkel 1802 Entwürfe geliefert hatte – eine Entdeckung von Lancmanis; ein anderes Mal das als Landwirtschaftsakademie wieder aufgebaute Schloß Mitau/ Jelgava mit der Herzogsgruft, einer Außenstelle des Schlossmuseums Rundāle. Hier hatte die Restaurierung der Zinnsärge und der Textilien neue Aufgaben gestellt. Einen besonderen Eindruck hinterließen das unter dem tätigen Einfluss von Imants Lancmanis nach Kriegsbeschädigung wieder aufgebaute und ausgestattete Schloss Mesothen/Mežotne der Fürsten Lieven und die Petrikirche in Riga mit ihren unter Anleitung und Mitwirkung von Ieva Lancmane behutsam restaurierten kostbaren Epitaphien, die die Zerstörung der Kirche im Zweiten Weltkrieg überstanden hatten, da sie 1939 bei der Umsiedlung der Deutschbalten nach Posen gebracht worden waren.

Während meiner Tätigkeit an der Staatlichen Eremitage in den 1970er Jahren trafen wir uns oft in Leningrad, in das Imants Lancmanis und seine Mitarbeiter der Ankauf von Kunstwerken aus Privatsammlungen, die Restaurierungen von Kunstwerken, Vertragsabschlüsse mit Leningrader Restauratoren oder die wissenschaftlichen Kontakte zur Eremitage führten.

Später, in den 1980er Jahren, trug das umsichtige, breit gefächerte Wirken von Lancmanis weitere schönste Früchte. Die Rettung vom Untergang bedrohter Kunstwerke, die Jahrzehnte währenden Forschungen in den Archiven, die Sammeltätigkeit für das Schlossensemble und die Abteilung angewandte Kunst in Lettland ermöglichten eine Vielzahl von wissenschaftlich hervorragend ausgearbeiteten Ausstellungen, an denen Lancmanis nicht nur ideellen, sondern meistens auch eigenen forscherischen Anteil hatte: Rundāles pils/Schloss Ruhenthal 1736–1740 (1986); Zinn in der angewandten Kunst Lettlands vom 6. bis zum 20.Jahrhundert (1989); Das Porträt des 17.Jahrhunderts in Lettland (1986); Silber in Lettland vom 5. bis zum 20.Jahrhundert (1990); Ernst Johann Biron: 1690–1990 (1990); Elejas pils/ Schloss Elley (1989); Zeit des Elends. Schicksale evangelischlutherischer Kirchen Lettlands in der Sowjetzeit (1996); Friedrich Hartmann Barisien und seine Zeit. Das Porträt in Lettland im 18.Jahrhundert (1997); Muiža zem ozoliem. Ungurmuiža un fon Kampenhauzenu dzimta Vidzemē/Gutshof Unter den Eichen. Orellen und die Familie von Campenhausen in Livland, in Zusammenarbeit mit dem HerderInstitut Marburg und der Familie von Campenhausen (1998); Kunstschätze des Schlosses Ruhenthal (1998); Kurland in Europa. Herzog Peter, das Haus Biron und kurländische Legenden (2000); 30 Jahre Restaurierung des Schlosses Ruhenthal (2002); Heraldik in Lettland vom 13. bis zum 21.Jahrhundert (2003).

Die Ausstellungen wurden teilweise auch in Deutschland und Frankreich gezeigt und so lernten auf diesem Wege viele Menschen das Wirken des Schlossmuseums Rundāle kennen. Für BaltikumTouristen wurde Ruhenthal/Rundāle, trotz seiner 80 Kilometer Entfernung von Riga, ohnehin zu einem der wichtigsten Ziele.

Fruchtbar waren auch von Lancmanis initiierte jahrelange Forschungen seiner Wissenschaftler, die nicht nur in hohem Maße auf den im Museum und im Archiv gesammelten Materialien gründeten, sondern auch Stücke aus anderen Museen Lettlands erfassten und bearbeiteten und damit zur Entdeckung vieler unbekannter Kunstwerke beitrugen. 1989 erschien das Nachschlagewerk Zinn in der angewandten Kunst Lettlands im Rahmen der bereits erwähnten Ausstellung. 1991 wurde ein ausführlicher Katalog zu der bereits erwähnten Ausstellung Silber in Lettland herausgegeben, der viele Kunstwerke in die Wissenschaft einführte. Im Gefolge erschien 1992 ein weiterer Band, Goldschmiede Lettlands. Verzeichnis der Merkzeichen und Werke (Riga 1993), der, ebenso wie der Katalog, einen Meilenstein der lettischen Kunstgeschichtsforschung darstellt. So nimmt es nicht Wunder, dass die lettische Öffentlichkeit voller Stolz nach Ruhenthal/ Rundāle und immer wieder auch in die Ausstellungen wallfahrtet.

Auf der Grundlage der Archivdokumentationen wird von Lancmanis, vielfach unterstützt von baltischen Familien im Ausland, auch eine Schriftenreihe zu lettischen Schlössern und Herrensitzen herausgegeben.

Es ist schon erstaunlich, wie es dieser äußerst zurückhaltende, bescheidene Mensch versteht, selbst eher in der Stille wirkend, andere Menschen mitreißend für eine Sache zu begeistern. Dies verschaffte offensichtlich schon von Anfang an auch der Wiederherstellung von Ruhenthal die entsprechende Aufmerksamkeit und Bedeutung in der Sowjetunion. Wer bei ihm persönlich in Ruhenthal zu Gast war, verließ das Schloss in der Überzeugung, ein bemerkenswertes, atemberaubendes Vorhaben und einen außergewöhnlichen Menschen kennengelernt zu haben.

Die Anerkennung – national und international – ließ nicht lange auf sich warten. Unter den Kunsthistorikern und Denkmalpflegern in der Lettischen Republik war Lancmanis schnell der hochgeachtete Fachkollege und sein Ruf verbreitete sich bald auch über die Grenzen des Landes hinaus. 1992 wurde er zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften Lettlands ernannt, 1993 zum Korrespondierenden Mitglied der Baltischen Historischen Kommission, Göttingen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen. War es 1981 der Orden »Ehrenzeichen der UdSSR«, 1987 die Medaille »Mare Balticum« der BöcklerStiftung und 1994 der »DreiSterneOrden« der Republik Lettland, folgten 2002 der Europäische KulturProjektPreis »Pro Europa« und »L´Ordre National du Mérite« Frankreichs, 2003 das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und die Ehrenplakette des Malteser Hilfsdienstes, 2004 der »Ordine di Meriti« der Republik Italien, 2006 der »Oranien-Nassau-Orden« des Königreichs der Niederlande, 2007 das Kommandeurskreuz der »Legion d´Honneur« Frankreichs. Das Ansinnen der jungen, 1991 wieder gegründeten Lettischen Republik, den Botschafterposten in Paris zu übernehmen, schlug der leidenschaftliche Museums und Denkmalpflegeexperte allerdings aus.

Es ruft immer wieder Staunen hervor, wie, in welcher Breite und mit welchem unermüdlichen Einsatz Lancmanis sein Engagement voranträgt. Von 1971 bis 1987 wirkte er noch als Dozent im Fach Stilgeschichte an der Lettischen Kunstakademie Riga und hat durch Vorträge im In und Ausland Menschen begeistert. Seine hervorragenden Kenntnisse der französischen, deutschen, russischen und englischen Sprache machen ihn auch international zu einem begehrten Redner und geschätzten Fachkollegen. Im eigenen Land ist er zu alledem Vorsitzender der Attestierungskommission der Restauratoren Lettlands, Mitglied der Staatlichen Heraldischen Kommission und nicht zuletzt Mitglied des Künstlerverbandes Lettlands.

Wenn er auch über viele Jahre das eigene künstlerische Schaffen zugunsten des Schlosses Ruhenthal und der Rettung von Kunstwerken und Baudenkmälern in Lettland zurückstellte, um nicht zu sagen opferte, brachte er es doch zustande, zwischen 1969 und 2004 an mehreren Kunstausstellungen in Lettland teilzunehmen. Die Ausstellung Persönliche Zeit wurde 1996 in Warschau und St.Petersburg gezeigt, 1999 und 2006 waren seinen Gemälden auch Personalausstellungen in Riga gewidmet.

Die Hauptrichtungen seiner eigenen Forschungsarbeit bilden die Kunst Lettlands des 18. und 19.Jahrhunderts, insbesondere die Architektur der Schlösser und Herrenhäuser, aber auch die Geschichte der Heraldik in Lettland. Diesen Bereichen widmete er viele Beiträge in Katalogen und Zeitschriften, aber vor allem seine eigenen Publikationen: Jelgavas pils/Schloss Mitau (1979, 1986, 2006); Liepāja no baroka līdz klasicismam/ LiepajaLibau vom Barock bis zum Klassizismus (1984); Mežotnes muiža/ Schloss Mesothen (1983); Rundāles pils/Schloss Ruhenthal (1994); Kaucmindes muiža/Landgut Kautzemünde (1999); Iecavas muiža/Landgut Groß-Eckau (2001); Garozas muiža, Lambartes muiža/Landgut Garrosen, Landgut Lambertshof (2001); Svitenes muiža, Bersteles muiža/Landgut Schwitten, Landgut Bersteln (2003); Heraldika (2007); Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus (2007).

In allem, was Imants Lancmanis vollbracht hat, stand ihm als Mensch und hochqualifizierte Kollegin sein zweites »Ich« zur Seite – seine 2004 viel zu früh verstorbene Frau Ieva. Mit gleicher Hingabe arbeitet am gemeinsamen Lebenswerk auch die Schwester Lauma Lancmane.

Der Name Imants Lancmanis ist nicht nur untrennbar mit der glanzvollen Wiedererweckung der bedeutenden Residenz der kurländischen Herzöge, eines architektonischen Juwels des europäischen Barock in Ruhenthal/Rundāle verbunden. Sein jahrzehntelanges Wirken für die Erforschung der Entwicklung der Künste in Lettland und die Erhaltung und Verbreitung des deutschbaltischen Erbes hat entscheidenden Anteil daran, dass die historisch bedeutende deutschbaltische Kulturlandschaft heute wieder ein lebendiger Teil der kulturellen Überlieferung in Lettland ist.

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