5680,5670
Klaus Johannis, Oberbürgermeister von Hermannstadt/Sibiu, Rumänien

Gehalten am 22. September 2011 in der Deutschen Bank, Unter den Linden, Berlin.

Es ist mir eine besondere Freude und Ehre, der Laudator von D. Dr. Christoph Klein, dem emeritierten Bischof der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, zu sein. Persönlich kenne ich ihn seit 1972: Damals war Pfarrer Christoph Klein in Hermannstadt mein Konfirmandenlehrer. An diese Zeit habe ich schöne Erinnerungen. Ende der 1990er Jahre lernte ich dann Bischof Christoph Klein näher kennen. Als Oberbürgermeister von Hermannstadt und als Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien hat es zwischen uns eine sehr gute Zusammenarbeit gegeben. In der menschlichen Beziehung zu ihm ist mir – wie vielen anderen sicherlich auch – etwas Ungewöhnliches vorgekommen: Je länger sie dauerte, desto besser wurde sie. In Bischof Klein lernte ich einen Menschen kennen, der einen starken Glauben an das Gute im Menschen und in die Welt besitzt und diesen Glauben weitergibt.

Sicherlich hat sich mancher gefragt, wieso ein Bischof, dem die geistliche Leitung einer Kirche, die theologische Lehre oder die Seelsorge obliegen, für sein »Engagement für den Erhalt des kulturellen Erbes der Deutschen in Siebenbürgen« einen Preis zugesprochen erhält. Die Frage ist berechtigt – nicht aber im Fall von Siebenbürgen. Da nämlich ist die Evangelische Kirche jene Institution, die das immense Kulturerbe der über 850-jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen besitzt und verwaltet. Einzigartig in Europa ist die von den Kirchenburgen geprägte Kulturlandschaft. Die Kirchenburgen sind ein Symbol der Selbstidentifikation und ein Ausdruck des Gemeinwesens der Siebenbürger Sachsen. Christoph Klein hat des Öfteren von einem Erlebnis berichtet, das ihn bei der Visitation in einer Gemeinde nachhaltig beeindruckt hat: Nach einem Ostergottesdienst sah er, wie eine junge Frau, die aus Deutschland zu Besuch gekommen war, mit ihrer Kamera vor den Altar trat und ihn fotografierte. Während sie dies tat, flossen ihr Tränen. Der Altar bedeutete für sie mehr als ein Kunstwerk. Es war der Ort der Erinnerung an die Kindheits- und Jugendzeit, denn vor diesem Altar war sie getauft, konfirmiert und getraut worden.

Es geschieht selten, dass sich ein Volk aus seiner Geschichte selbst verabschiedet. Wohl einzigartig ist, dass der Abschied im Augenblick größter Hoffnungen und breiter Perspektiven erfolgt. Eine solche »Selbstverabschiedung« setzte unter den Deutschen in Rumänien nach der Wende von 1989 ein. Anfang des Jahres 1990 hatte die Evangelische Kirche in Rumänien über 100 000 Mitglieder, im Juni 1990, als Dr. Klein als Bischof eingeführt wurde, waren es nur mehr die Hälfte, heute sind es weniger als 13 000. Seit der Grenzöffnung wanderten bis heute etwa 85 Prozent der evangelischen Gemeindemitglieder aus. Zurück blieb das riesige Kulturerbe einer Gemeinschaft, die Teil einer Kulturen- und Völkervielfalt in Siebenbürgen war, wie sie in Europa nur in wenigen Gebieten über mehrere Jahrhunderte hinweg bestanden hatte.

Der große Schmerz der Zurückgebliebenen galt dem Verlust von Verwandten, Freunden, Mitarbeitern, Kollegen, die wegzogen. Mit ihnen brachen die gewachsenen Gemeinschaftsstrukturen zusammen, der Bedrohung durch Diebstahl und Verfall wurden aber auch die Kirchenburgen mit ihren wunderschönen vorreformatorischen Altären, wertvollen alten Orgeln, Taufbecken, berühmten Vasa Sacra (sakrales Gerät) und orientalischen Teppichen sowie die Archivalien ausgesetzt.

Nach seinem Amtsantritt stellte Bischof Klein ein Zehn-Punkte-Programm vor mit den dringend notwendigen Schritten, die es der Kirche als Institution in ganz anderer als der bisher gewohnten Form und Weise ermöglichten, ihren Dienst zu tun und ihren Aufgaben weiterhin gerecht zu werden. Wider die Vorwürfe der Konzept- und Perspektivlosigkeit, des mangelnden Realitätssinnes oder des übertriebenen Optimismus‘, wider Resignation und Niedergeschlagenheit in den Gemeinden hat Bischof Klein über Bitten und Verstehen – so seine Predigt im Gottesdienst zur Verabschiedung aus dem Amt im November vergangenen Jahres – die Kirche in eine jung wirkende Institution verwandelt. Wie in jeder Kirche bilden dabei der geistliche Dienst und die Diakonie zwei der Grundpfeiler, in Siebenbürgen kommt als dritter Pfeiler die Bewahrung des Kulturerbes dazu.

Der Anfang der 1990er Jahre in kirchlichen Kreisen aufgekommenen Parole vom »geordneten Rückzug« stellte Bischof Klein die Ansicht gegenüber, dass auch eine Minderheitenkirche eine große Chance hat, nicht nur für ihre Mitglieder zu wirken, sondern auch in ihr Umfeld auszustrahlen. Auch unter völlig veränderten Umständen und mit neu aufzubauenden Strukturen könne das kirchliche Leben und jenes der Gemeinschaft mit ihrem geistlichen Dienst und einer organisierten Diakonie weitergeführt und so auch das reiche Kulturerbe – wenn auch mit Abstrichen – erhalten werden, meinte er. Heute müssen wir erkennen: Er hatte Recht.

Bei seinen Gemeindebesuchen hat Bischof Klein die angesichts der Aufbruchstimmung verstörten und verunsicherten Gemeindeglieder nicht bloß zu trösten versucht, sondern auch dafür geworben, die besonders wertvollen Gegenstände an sichere Orte bringen zu lassen. Besonders populär in den Gemeinden hat ihn das vermeintliche »Wegnehmen« der Altäre und Taufbecken nicht gemacht, selbst nachdem einige diese infolge von Diebstahl für immer verloren hatten. Für die Gegenstände von künstlerischer, geschichtlicher, dokumentarischer oder wissenschaftlicher Bedeutung waren zunächst Sammelstellen in den fünf Kirchenbezirken sowie zentral beim Landeskonsistorium eingerichtet worden. Erst in einer nächsten Etappe konnte ein ausschließlich dem Bewahren und Verwerten der Kunst- und Wertgegenstände dienendes Gebäude eingerichtet werden.

Hierfür wurde mit der Unterstützung durch deutsche kirchliche Stellen, Stiftungen, das Bundesministerium des Inneren und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien das in kommunistischer Zeit enteignete und nach der Wende rückerstattete einstige Waisenhaus neben der Johanniskirche saniert und eingerichtet, und Ende 2003 als »Begegnungs- und Kulturzentrum Friedrich Teutsch« eingeweiht. In einer ersten Phase wurden hier die im Zentralarchiv der Landeskirche zusammengeführten Gemeindearchive erschlossen und der Forschung zugänglich gemacht. Der Besuch von Staatsministerin Dr. Christina Weiß, der damaligen Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, im Oktober 2004 in Hermannstadt führte schließlich dazu, dass auch die Mittel zum Aufbau und zur Einrichtung des landeskirchlichen Museums bereitgestellt wurden, dessen Einweihung 2007 stattfand. Das im »Teutsch-Haus« untergebrachte »Institut für Ökumenische Forschung«, das gemeinsam mit der Orthodoxen Theologischen Fakultät geführt wird, und ein »Büchercafé«, in dem Bücher in rumänischer, englischer und deutscher Sprache zum Verkauf angeboten werden – auch Publikationen aus dem Verlag des Deutschen Kulturforums östliches Europa –, tragen wesentlich dazu bei, dass dieses Haus zu einem Ort der Begegnung von Menschen aller Sprachen und Konfessionen in Hermannstadt geworden ist. Im Jahr 2007, als Hermannstadt Kulturhauptstadt Europas und Gastgeberin der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung war, hatte diese ihr Koordinationsbüro in eben diesem »Teutsch-Haus« eingerichtet.

Zu den »Sorgenkindern« von Bischof Klein gehörten seit seinem Amtsantritt die Kirchenburgen, von denen rund zweihundert bauhistorische Bedeutung haben. Dank partnerschaftlicher Beziehungen zu deutschen Evangelischen Landeskirchen und der EKD sowie dank der Förderung durch zahlreiche Stiftungen in Deutschland konnten die bedeutendsten Kirchenburgen restauriert beziehungsweise instand gehalten und somit vor dem Verfall bewahrt werden.

Für die Weiterführung dieser Arbeit sorgt die im Bischofshaus eingerichtete »Leitstelle Kirchenburgen«. Diese Leitstelle koordiniert die Sanierungsarbeiten, führt kleine Projekte – wie das »Dächerprogramm« – selbst durch, und berät die Kirchengemeinden bei Bauvorhaben. Sie hat bei der Erarbeitung der Dokumentation mitgeholfen, die für das Beantragen von 4,5 Millionen Euro aus Europäischen Fonds für die Bestandssicherung von 18 Kirchenburgen, verbunden mit der touristischen Erschließung des ländlichen Raumes, notwendig war.

Das Bemühen von Bischof Klein im Bereich des Kulturerbes galt des gleichen dem Rückerwerb von enteignetem kirchlichem Eigentum von kultureller Bedeutung. Als Beispiel sei das Brukenthalmuseum in Hermannstadt genannt. In Zusammenarbeit zwischen der Leitung der Evangelischen Kirche und jener des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien ist es gelungen, mit dem zuständigen Ministerium eine Strategie für die künftige Verwaltung und Verantwortung für dieses Museum zu erarbeiten. Im Dezember 2005 wurde mit dem damaligen Kulturminister ein Abkommen unterzeichnet, auf Grund dessen sich der Staat zur Erhaltung und Finanzierung der laufenden Kosten für das Museum verpflichtet und uns – Kirche und Forum – ein auf Parität beruhendes Mitspracherecht in allen Entscheidungen sowie der zukünftigen Gestaltung zusichert.

In der Frage des Brukenthalmuseums hatte eine Kooperation begonnen, die in der Vorbereitung und Durchführung des Kulturhauptstadtjahres 2007 und der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung einen Höhepunkt fand.

D. Dr. Christoph Klein hatte die vielseitigen Chancen, die wir selbst als kleine deutsche Minderheit in Rumänien unter neuen politischen Vorzeichen haben, richtig erkannt. Er stellte die Weichen dafür, dass die Evangelische Kirche diese Möglichkeiten wahrnehmen kann. Er selbst hat die neuen und oftmals schweren Herausforderungen angenommen und dadurch wesentlich zum Erhalt des Kulturerbes der Siebenbürger Sachsen beigetragen. Sein Tun hat er auch schriftlich motiviert in Schriften, deren Titel jemand treffend zusammengefasst hat: Ausschau nach Zukunft Um die elfte Stunde Auf dem anderen Weg, dem der Vergebung und Versöhnung, in dem Kontrapunkt [der] Freude und der Verwaltung der Anvertrauten Pfunde und das durch das Grenzüberschreitende Gebet.

Ich hoffe, ich habe Sie mit meinen Ausführungen davon überzeugt, dass der Georg Dehio-Kulturpreis zu Recht an den emeritierten Bischof der Evangelischen Kirche in Rumänien, D. Dr. Christoph Klein, verliehen wurde.

      • Seitenanfang