aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Buchpreises 2004

Hans Lemberg
Hans Lemberg
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aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Buchpreises 2004
aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Buchpreises 2004, gehalten am 24. November 2004 in Berlin

gehalten am 24. November 2004 in Berlin

Im Jahre 1989, noch vor der Wende, erschien in der Zeitschrift für Ostforschung eine Rezension zu Karl Schlögels vom Siedler-Verlag so schön gestalteten kleinen Band mit dem Titel Die Mitte liegt ostwärts. Die Deutschen, der verlorene Osten und Mitteleuropa. Sie würdigte diesen »ersten deutschen Beitrag« zur damals neuen Mitteleuropa-Diskussion« und endete mit folgenden Sätzen: »Schlögel – ein aus dem Allgäu stammender Berliner, dessen publizistischer Weg von der TAZ zur FAZ zu führen scheint«, habe damit »für das Verständnis der aus Ostmitteleuropa vertriebenen Deutschen und deren Heimat wirksamer geworben als Dutzende von Vertriebenenorganen das vermögen, wenn ihre Botschaft nicht über die eigene Gruppe hinaus dringt. Ist er dafür von den sich hier zuständig Fühlenden schon gewürdigt oder gar preisgekrönt worden? Dem Rezensenten ist davon nichts bekannt.«

Um so mehr freut es den damaligen Rezensenten, heute die Laudatio für Karl Schlögel zur Verleihung gerade des Dehio-Preises vortragen zu dürfen, des Preises des Deutschen Kulturforums östliches Europa, das sich vor allem der »Auseinandersetzung mit der Geschichte jener Gebiete im östlichen Europa widmet, in denen früher Deutsche gelebt haben bzw. heute noch leben« und das das »gemeinsame Kulturerbe als Chance« begreift. Mit diesem Preis soll keineswegs nur das damals solches Aufsehen erregende kleine Buch über die ostwärts gelegene Mitte gewürdigt werden, sondern das »publizistische Gesamtwerk« Karl Schlögels. Das ist nun in der Tat von ausnehmender Breite.

Zur Breite und zur Spezifik dieses Gesamtwerkes hat sicher der aufregende akademische Lebensweg des heutigen Professors für osteuropäische Geschichte an der Viadrina in Frankfurt an der Oder beigetragen, von deren Existenz damals noch niemand träumen konnte. Als der Absolvent einer kirchlichen Internatsschule Karl Schlögel 20 Jahre alt war, schrieb man das Jahr 1968, und er studierte an der Freien Universität in Berlin. Da konnte es kaum ausbleiben, dass er bei einiger Lebendigkeit des Geistes in die Studentenbewegung eintauchte und eine Zeitlang von ihr geformt wurde. Bald begegnen wir dem Studenten der Philosophie, Osteuropäischen Geschichte, Soziologie und Slawistik auf einem ungewöhnlichen Weg: Noch während des Studiums wurde er freier Mitarbeiter des damaligen Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln; er veröffentlichte dort einige wissenschaftliche Berichte zur Rolle der Arbeiterschaft in der oppositionellen und Dissidenten-Szene in der Breschnewschen Sowjetunion. Diesem Themenbereich war dann auch seine Dissertation über Arbeiterkonflikte in der UdSSR nach Stalins Tod gewidmet. Darin ließ er seinen Grundansatz erkennen: die »Wertschätzung […] für Menschen aus den verschiedenen sozialen Milieus, die den Mut hatten, ihre Gedanken offen auszusprechen, auf ihnen zu beharren, auch wenn der Preis, den sie in Gestalt von Verfolgung, physischer Gewalt oder erzwungener Emigration entrichten mussten, allzu hoch war«.

Im Laufe seines Studiums hatte Karl Schlögel sich so gut – auch sprachlich und literarisch – in die sowjetrussische Welt eingearbeitet, dass er bereits seit Mitte der siebziger Jahre auch als Übersetzer aus dem Russischen arbeiten konnte. Nach seiner Promotion verbrachte er als DAAD-Stipendiat, wie er es in einem Erfahrungsbericht formulierte, »zwölf Monate im Roten Kloster«, also in der UdSSR, vor allem in Moskau und Leningrad.

Das bot dem sozialgeschichtlichen, auch ideologiekritischen Experten für die Sowjetunion die damals noch seltene Möglichkeit, tief einzutauchen in die alltägliche Wirklichkeit des späten Sowjetstaates, aber auch in die intellektuelle Welt der russischen Metropolen. Diese unmittelbare Anschauung verquickte sich mit seiner Forschungsarbeit über das Selbstverständnis der russischen Intelligenzija zwischen 1909 und 1921. Als Ergebnis entstand zunächst ein Buch, das nicht nur unter Kennern, sondern auch unter studentischen Anfängern zu den freiwillig und begierig gelesenen gehörte: Moskau lesen. Die Stadt als Buch. Karl Schlögel hat hier – lange bevor der »linguistic turn« weite Gebiete auch des Gegenstandes der Geschichtswissenschaft als »Text« verstehen ließ – die Stadt als Text »gelesen«. Zwar ist vordergründig von Gebäuden die Rede, aber durch sie erschließt sich ein Kosmos von Literatur und Geschichte vor allem des frühen 20.Jahrhunderts in seinem umwälzenden zweiten Jahrzehnt. Hier wie in dem siebenhundert Seiten starken Buch von 1988 über Petersburg als »Laboratorium der Moderne« vor, während und nach den Revolutionen des Jahres 1917, wird auch gleichzeitig etwas angebahnt, wofür heute der Begriff des »spacial turn« geläufig ist, jene Wiederentdeckung des Raumes für die Geschichte, der Schlögel sein jüngstes Buch Im Raume lesen wir die Zeit gewidmet hat.

In seinen Werken der achtziger Jahre, dem Moskaubuch, dem anderen über Petersburg und eben dem Mitteleuropabuch, lässt sich die Verschränkung von feuilletonistisch-anregender, lebhafter Schreibweise und strenger Wissenschaftlichkeit im Sinne der »intersubjektiven Überprüfbarkeit« auf jeder Seite aufspüren. Die aus dem Impuls der Selbstvergewisserung herrührende stille aber intensive Art zu schreiben, als sähe und erklärte der Autor sich und nebenher dem Leser alles zum ersten Mal, führt diesen unmerklich mit und zieht ihn in den Sog des Weiterlesens. Karl Schlögel hat dabei den Mut, ohne vorgefasste Meinung ungewöhnliche Beobachtungen neu anzustellen und gültig zu formulieren. Es ist wohl – neben den Gegenständen selbst, von denen er berichtet – diese »gelehrte Prosa«, wie sie erst vor kurzem bei der Erteilung des Sigmund-Freud-Preises an ihn genannt wurde, die ihm seit damals auf prominenten Seiten der großen Tages- und Wochenzeitungen viel Platz eingeräumt hat und zwar unterschiedslos von gemäßigt links nach gemäßigt rechts: in den (leider inzwischen eingestellten) »Bildern und Zeiten« der FAZ., der Frankfurter Rundschau, in der Zeit, dem Rheinischen Merkur, der Süddeutschen Zeitung, der taz, der Welt, aber auch in der Neuen Zürcher Zeitung, der Financial Times, dem Spiegel und in Kulturzeitschriften wie Lettre International, den Frankfurter Heften, dem Kursbuch, dem Merkur, den Woprosy Filosofii, im Przegląd Polityczny und wo immer sonst noch. Manche dieser Texte sind inzwischen in Sammelbänden wiederveröffentlicht worden: Das Wunder von Nishnij oder die Rückkehr der Städte, Go East oder Die zweite Entdeckung des Ostens oder Promenade in Jalta.

In seinem Curriculum Vitae bekennt sich Karl Schlögel für die zweite Hälfte der achtziger Jahre als »freier Schriftsteller und Privatgelehrter«. Es kann sogar sein, dass er – mit seinem damals erreichten Bekanntheitsgrad – schon von diesen Berufen leben konnte. In dieser Formulierung steckt nicht nur der übliche durchaus ehrenwerte Euphemismus wie sonst oft bei den Benennungen für die in der jüngeren Generation zunehmend normalen Phasen der Arbeitslosigkeit, sondern der Doppelausdruck bezeichnet die gemeinhin geradezu antagonistischen Lebens- und Arbeitsformen des Literaten, des écrivain einerseits und des Wissenschaftlers andererseits. Von Karl Schlögel wurden aber beide Formen gleichzeitig gelebt, und sie waren bei ihm tatsächlich und mit offensichtlicher Selbstverständlichkeit vereinbar.

Dass Karl Schlögel in Hinsicht auf den wissenschaftlichen Teil seiner Schriftstellerei mehr war als nur Privatgelehrter oder, wie er es damals nannte: »freier Wissenschaftler«, zeigt der Umstand, dass er 1989 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Habilitationsstipendium erhielt. Das aber bekommt nur, wessen Projekt die strenge Kritik des Gutachterverfahrens übersteht. Und wieder trat etwas Unerwartetes und Ungewöhnliches ein: Statt der langwierigen Prozedur einer Habilitation, die in der Tat angesichts des schon vorliegenden gewichtigen Petersburgbuches eigentlich überflüssig war, wurde Karl Schlögel 1990 sozusagen vom Fleck weg zum Professor für osteuropäische Geschichte an die Reformuniversität Konstanz berufen.

Und hier erwies er sich – fast unerwartet und aus dem Stand – als erfolgreicher Wissenschaftsorganisator. Er kreierte ein international bestücktes Projekt, das binnen weniger Jahre nebst Tagungen vier opulente Bände vorlegte, eine Monographie und zwei Sammelbände mit dem Panorama der russischen Emigration in Europa und besonders in Deutschland, sowie eine Art Chronik – Tag für Tag – der russischen Emigration zwischen dem Bürgerkrieg und dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion.

Man mag das zu Recht als Ausfluss der Kompetenz Schlögels auf dem Gebiet der russischen Geschichte und Literatur des 20.Jahrhunderts ansehen. In deren Kosmos gehörte ja das von den Sowjet-Machthabern verdrängte, aber unlösbar verbundene Phänomen der Emigration, die gleichzeitig eine intensive Verschränkung zwischen russischer Kultur und der des übrigen Europa bewirkte. Indes wird man wohl nicht zu weit greifen, wenn man diesen Themenkomplex bei Karl Schlögel in einen breiteren Rahmen stellt:

Das Schicksal von Flüchtlingen zieht sich nämlich wie ein roter Faden durch das Leben Karl Schlögels. Er hat einmal beschrieben, wie er als Kind in der Abgeschiedenheit seines schwäbischen Heimatdorfes die vielen dort wohnenden Vertriebenen als Boten einer anderen, fortgeschritteneren Welt empfand und bei ihnen städtische Kulturtechniken beobachtete. Das Mitleiden mit ihrem Schicksal wird ihm nur halb bewusst geworden sein. Aber steckt nicht etwas davon in der späteren Haltung gegenüber den verfolgten Dissidenten, von denen eine ganze Anzahl auch ins Exil gehen mussten? Hier scheint die Verbindung zum generellen Exilthema recht deutlich – und darüber hinaus eben zum nächsten Problembereich, der ihn nach der Berufung 1994 an die neu errichtete Viadrina, die Europa-Universität in Frankfurt (Oder) in zunehmendem Maße beschäftigte. Es ging jetzt in einem weiteren Kreis um das »Jahrhundert der Flüchtlinge«. So nannte er eine große Tagung, in der Richtpflöcke gesteckt wurden für ein großes, vergleichendes Projekt, das Karl Schlögel beantragt hatte, dessen Finanzierung ihm aber nicht gewährt worden ist. Das hat ihn geärgert. Man wird allerdings mit ihm bedauern müssen, dass das bei diesem Anlauf nicht zustande kam. Denn man braucht sich nur einmal vorzustellen, was für die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Themas erreicht worden wäre, wenn in so kurzer Zeit, wie die Exil-Bücher erschienen sind, auch hier so handfeste Ergebnisse vorgelegen hätten.

Zum Glück hat Karl Schlögel nicht die Flinte ins Korn geworfen. Immer wieder schreibt er seine Einsichten in das Problem nieder, und auch hier denkt er auf eigenen Wegen. Seine Analysen und Plaidoyers stützen weder die eine noch die andere Seite in der aktuellen Auseinandersetzung um das richtige Gedenken an Flucht und Vertreibung, sondern sie eröffnen unerwartete, neu erdachte Richtungen. Schlögel bietet seine Einsicht denen an, die das europäische Gespräch über das »Jahrhundert der Flüchtlinge« in »Pietät« voranzubringen bereit sind, um das Wort von Georg Dehio, dem heros eponymos des heute zu verleihenden Preises, aufzugreifen, »Respekt und Rücksichtnahme« also, wie es bei der vorjährigen Preisverleihung Kulturstaatsministerin Weiss formuliert hat.

Dieser Preis zielt insbesondere auf den Teil seines Oeuvres ab, den wir für den Schluss aufgespart haben: Die Wiederentdeckung dessen, was Karl Schlögel in seinem eingangs erwähnten Büchlein Die Mitte liegt ostwärts im Untertitel »Die Deutschen, der verlorene Osten und Mitteleuropa« genannt hat. Wiederum reichen die Wurzeln seines Interesses für diese Region weit zurück: Er hat als sechzehnjähriger Schüler Prag erlebt. Hier eröffnete sich ihm die Welt des östlichen Europa, hier trat er, wie er sagt, zum ersten Mal aus der westdeutschen Bundesrepublik heraus. Mit jugendlicher Empfindsamkeit spürte er in Prag intensiv den Aufbruch der sechziger Jahre, aber auch die dort noch greifbare Geschichte, in städtischen Bauten, im alteuropäischen Angebot der Buchantiquariate, im Kontakt mit aufgeweckten Studenten, in der Begegnung mit dem Judentum, der böhmischen Musik. Es folgten weitere Reisen, in denen sich ihm immer neue Regionen des östlichen Mitteleuropa mit ihrer eigenen Geschichte erschlossen. Erst darin, im Begreifen der so reichen kulturellen Mischung der Zeit vor der ethnisch entmischenden Verarmung des 20.Jahrhunderts lag dann die Wurzel dafür, dass Karl Schlögel auch die Spuren der verschwundenen Bevölkerungsteile verfolgte, der Juden, der Deutschen.

Gerade seine sympathisierende Wiederentdeckung der östlichen Mitte Europas in seinen Städten, in Königsberg, Odessa, in Lemberg, Wilna, Czernowitz oder wo immer konnte für regierungsnahe Beobachter noch in den späten Achtzigern gefährlich anmuten: durchlöcherte sie nicht, so befürchteten sie, die Westbindung der Bundesrepublik? Wenige Jahre später zeigte sich, dass Karl Schlögel in dieser literarischen Form einer der ersten war, die eine Tür im verrosteten Eisernen Vorhang geöffnet haben, bevor er unerwartet und ganz zerfiel. Er hat damit das wiederhergestellte Europa intellektuell vorbereitet.

Ein Zeitgenosse meinte neulich erstaunt, Karl Schlögel wirke »gar nicht wie ein deutscher Professor«. Das war durchaus bewundernd gemeint. Wir, seine Leser, freuen uns weiter darauf, den Texten seiner »gelehrten Prosa« nachdenken zu können, die das östliche Europa mit seinen Landschaften, seinen Städten, seinen Menschen und seiner kulturell, ethnisch und intellektuell vielgestaltigen Geschichte und Gegenwart in immer neuen Aus- und Einblicken vermittelt.

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