12.11.2004

Alltag in einem masurischen Dorf • Ein Bildband " Leider vergriffen!

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Alltag in einem masurischen Dorf • Ein Bildband " Leider vergriffen!
Wagners Porträts dokumentieren eine Zeit des Umbruchs, eine Welt bäuerlichen Dorflebens, die bald versunken sein wird, fachkundig eingeleitet von dem Historiker Andreas Kossert und begleitet von einem Essay der Publizistin Ulla Lachauer.

Stimmungsvolle Aufnahmen von Landschaft, Kultur und Dorfalltag sowie Personenportraits stehen in Wechselwirkung mit Texten über die Lebensläufe einer in Masuren gebliebenen deutschsprachigen Bäuerin, einer aus der Ukraine stammenden, nach 1945 in Masuren angesiedelten Landfrau, eines ehemaligen Staatsgutarbeiters u.a.

»Ein einsamer türkisfarbener Topf an der Wand, ein scheues Kind in der Tür, unspektakulärer geht es kaum. In den Fotos zeigt sich liebevolles Interesse, aber der Fotograf macht von dem, was er ins Auge fasst, und auch von sich selbst kein Aufhebens. Er setzt kein Licht, ist nicht auf künstlerische Effekte aus, fast immer ist – darin gibt sich der Hobbyfotograf zu erkennen – das Wichtige hübsch in der Bildmitte: Topf, Gänseschar, die Nase von Jurek, dem Geigenspieler. In Mathias Wagners Bildern, scheint mir, steckt keine Botschaft, zumindest keine offensichtliche. Sie sind keine Anklage gegen die Armut. Weder sie noch der Text nehmen auf den politischen Diskurs über Vertreibungen Bezug.

Den Leser erwartet keine Hommage an die Schönheit Masurens, von den handelsüblichen Hochglanzformaten alles verklärender Nostalgie ist das Buch weit, weit entfernt. Mathias Wagner verzichtet auf Thesen und Kategorien, das ganze Brimborium akademisch auftretender Klugheit (immerhin hat er zum Thema eine Dissertation im Fach Sozialgeografie verfasst). In dem, was er nicht tut, ist das Besondere seiner Arbeit schon fast beschrieben. Positiv ausgedrückt: Er sieht hin, er hört zu, nichts weiter. Er tut etwas scheinbar Einfaches, das heute selten geworden ist, indem er sich einer – fremden – Wirklichkeit stellt. In den Gesichtern der Dorfbewohner von Orłowo kann man lesen, dass seine Anwesenheit nicht stört, sie diese nicht als zudringlich empfinden. Fast alle Fotos sind mit Normalbrennweite aufgenommen, aus der Nähe also, mit großer Ruhe. Schnappschüsse muss er nicht ›jagen‹, denn auf dem Lande wiederholt sich vieles, Melken, Füttern, Heumachen, Wasserholen und so weiter, er lebt ja dort. Leokardia, bei der er wohnt, backt jede Woche Brot und sollte er den Augenblick verpassen, wenn sie in den ersten Laib ein Kreuz ritzt, wird er eben ein andermal die Kamera zücken, schließlich hat er ein ganzes Jahr Zeit. […]

Bei vielen Betrachtern werden die Bilder zunächst einmal Vergangenes wachrufen. Wer seine Kinderzeit in Masuren oder anderswo im agrarischen Osten des Deutschen Reiches verlebte, wird sich erinnern: Barfußlaufen auf sandigen Wegen, knöcheltiefer Frühjahrsmatsch, die Plackerei der Heuernte und die Eile, wenn ein Gewitter im Anzug war, Großmutters gepunktete Schürze. Kohleöfen, Spinnräder, Plumpsklos. Holzhacken, ein Onkel, der darin so geschickt war, das Pock-Pock und andere Geräusche, an denen das Dorf, in dem noch kaum Autos fuhren, so reich war. Die Liebe zu einem Hundchen, Gespräche über die Liese, die Rosa oder wie immer die störrische Kuh hieß, die so schwer zu melken war. Familienfotos, damals in braun-sepia, auf denen nicht gelächelt wurde.
Jeder hat seine Sehnsuchtsinseln.«

Aus dem Nachwort von Ulla Lachauer

Mathias Wagner, geboren 1955 in Hannover, studierte Geschichte, Pädagogik, Soziologie und Psychologie in Hannover, Berlin und Hildesheim, er promovierte an der Universität Bielefeld. Nach Forschungsaufenthalten in Simbabwe und Polen arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter – in einem Forschungsprojekt der Universitäten Bielefeld und Warschau – vom Sommer 1995 bis zum Herbst 1996 in dem masurischen Dorf Orłowo. Als Lehrbeauftragter war er für die Universität Bielefeld tätig, als Berater freiberuflich für die Jugend der Deutschen Minderheit in Polen. Mathias Wagner veröffentlichte mehrere Hörfunkbeiträge und einen Dokumentarfilm. Seit 1987 erarbeite er verschiedene Fotoausstellungen in Deutschland und Polen. 2001 erschien seine Publikation Wir waren alle Fremde. Die Neuformierung dörflicher Gesellschaft in Masuren seit 1945.

Wagner, Mathias: Fremde Heimat. Alltag in einem masurischen Dorf. Mit einem Vorwort von Andreas Kossert und einem Nachwort von Ulla Lachauer. Anhang m. Karte, Zeittafel und Ortsnamenkonkordanz. 128 S., geb., zahlr. farb. u. s-w. Abb., Karte, 28 x 23 cm. Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam 2004. ISBN 978-3-936168-18-1

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Polnische Ausgabe: Obca ziemia ojczysta. € 2,50/PLN 6,00. ISBN 978-3-936168-34-1

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Mathias Wagner: Masuren
Der Autor stellt seinen neuen Bildband »Fremde Heimat. Alltag in einem masurischen Dorf« vor.

Mathias Wagner: Fremde Heimat
Alltag in einem masurischen Dorf.

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