31.10.2008 , 19:30
Grüner Salon in der Volksbühne
Weydingerstraße 14, 10178 Berlin, Deutschland

Ablagerungen | Deutsche in der tschechischen Gegenwartsliteratur

Reihe | Miroslav Bambušek: Porta Apostolorum | Szenische Lesung

Impressionen von der Veranstaltung :::hier:::

Jahrhundertelang haben sie in derselben Landschaft, in demselben Land gelebt. Tschechen und Deutsche. Heute kann man sich über die Deutschen in der Tschechoslowakei in der sehr sorgfältig konzipierten Wanderausstellung Verschwundenes Sudetenland informieren – oder im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Immerhin. Bis 1989 schien es die Deutschen in der modernen tschechischen Geschichte nur als die Besatzungsmacht im Protektorat Böhmen und Mähren gegeben zu haben: bis an die Zähne bewaffnete Wehrmachtssoldaten, brutale Gestapomänner, die Herrenmenschen schlechthin. So sah das offizielle Bild des Deutschen in der Literatur, bildenden Kunst und im Film aus, und mit diesem Bild im Kopf ist die Nachkriegsgeneration aufgewachsen. Wie wird der Deutsche nun heute, in der neueren tschechischen Literatur gezeigt? Gibt es ihn überhaupt noch?

Szenenbild

Die Leerstellen, die die Vertreibung der Deutschen hinterlassen hat, werden von der Literatur langsam zurückerobert. Der Blick zurück wird differenzierter, es wird nicht mehr die Kollektivschuld bemüht, sondern das erlittene und zugefügte Leid von mehreren Seiten gesehen, die Begleitumstände offengelegt. Wie eine Hintergrundfolie trägt somit das Bild des Deutschen zur besseren Ergründung der eigenen Befindlichkeiten bei. Denn nicht nur die Vertreibung der Deutschen, sondern auch vieles andere, was nicht in die offizielle Geschichtsschreibung passte, wurde mehr als ein halbes Jahrhundert verdrängt.

Miroslav Bambušek

Miroslav Bambušeks Werk porta apostolorum beschäftigt sich mit dem Massaker von Postelberg (tschechisch Postoloprty) in Nordböhmen. Im Juni 1945 befahl die tschechoslowakische Militärkommandantur allen männlichen deutschen Einwohnern von Saaz (Žatec) im Alter von 13 bis 65 Jahren, sich an bestimmten Plätzen der Stadt zu sammeln. Die Saazer wurden in ein Internierungslager nach Postelberg getrieben. Dort waren nach tschechischen Quellen bis zu 5.000 Männer interniert. Im Herbst 1947 wurden in der Nähe von Postelberg 763 Leichen gefunden. Es handelt sich um einen der größten Massenmorde an der deutschen Bevölkerung in Böhmen.

Die Übersetzerin und Publizistin Eva Profousová schreibt über das Theaterstück:

»Das ganze Stück ist im Grunde eine riesige Textcollage. Zitiert wird vor allem aus den Protokollen einer Untersuchungskommission, die im Sommer 1947 von der tschechoslowakischen Regierung bestellt wurde, um den Vorfall in Postoloprty zu klären; aber auch damalige Pressestimmen, Zitate aus Geschichtsstudien, Politikerreden und literarischen Texten kommen zu Gehör. Zu seiner für das tschechische Theater ungewöhnlichen Stoffwahl sagt Bambušek, in erster Linie kämpfe er gegen das Vergessen seiner Landsleute an. Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei in Tschechien mehr als fällig. Das stimmt: Die Stadt Postoloprty hat einer Vor-Ort-Aufführung von seinem Stück nicht zugestimmt.«
Was in Postelberg geschah, Neue Zürcher Zeitung, 11.03.2006

 

Der 1975 geborene und im nicht weit von Postelberg entfernten Louny (Laun) aufgewachsene Miroslav Bambušek sieht deswegen Aufklärungsbedarf.

»Sein Ziel ist es, ›Lücken in der Geschichte zu beleuchten, Wunden der tschechischen Verschwiegenheit zum Trotz zu öffnen und das Publikum zu einer Auseinandersetzung mit Fakten zu zwingen‹.«
Endlich erwachsen werden, tageszeitung | taz, 30.07.2005

 

Eintritt
6,– €
ermäßigt 4,– €

Frontal 21: Massaker an Sudetendeutschen

Beitrag der Sendung vom 8. August 2006 im ZDF
mit kurzem Bericht über porta apostolorum und Interview mit Miroslav Bambušek
auf der Internetplattform www.youtube.com

Miroslav Bambušek
Weitere Informationen über den Dramatiker im Internetportal theatre.cz • english

www.perzekuce.cz
Weitere Informationen über das Stück und den Autor auf den Internetseiten von perzekuce.cz • česky

Mord im Fasanengarten
Mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende wühlt ein lange verdrängtes Massaker an etwa 2000 Sudetendeutschen im Juni 1945 das tschechische Städtchen Postelberg/Postoloprty auf.

Massaker an Sudetendeutschen
Die Tschechen und die Opfer

Postelberg will endlich Ruhe vor dem Zweiten Weltkrieg
Ein tschechischer Ort und sein Umgang mit der Vergangenheit

Massenmord in Böhmen steht nach 64 Jahren vor Aufklärung
Erschießung von mindestens 763 Deutschen

»Das ist verdammt unbequem«
Die Vertreibung der Deutschen als Bühnenwerk in Prag

Was in Postelberg geschah
Immer drängender führt die Literatur die Notwendigkeit von Geschichtsaufarbeitung vor Augen

Nachkriegsmassaker an 800 Deutschen als Theaterstück in Tschechien
60 Jahre nach dem Massaker an hunderten Deutschen in der böhmischen Stadt Postoloprty (Postelberg) hat ein tschechischer Dramatiker das Geschehen auf die Bühne gebracht.

Endlich erwachsen werden

»Spätlese«
Reflexion der Kriegs- und Nachkriegsverfolgung

Ablagerungen | Deutsche in der tschechischen Gegenwartsliteratur
Veranstaltungsreihe | Lesungen mit Anna Zonová, Jáchym Topol, Radka Denemarková und Jaroslav Rudiš • Theater: Porta Apostolorum von Miroslav Bambušek • Moderation: Eva Profousová

Eine Veranstaltung des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Zusammenarbeit mit dem Grünen Salon der Volksbühne Berlin

Lage


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