07.05.2004

Ein Bericht von der Tagung »Literarisches Breslau/Wrocław literacki«, (Breslau, 22.–25.04.2004)

Ernst Josef Krzywon
Ernst Josef Krzywon
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Ein Bericht von der Tagung »Literarisches Breslau/Wrocław literacki«, (Breslau, 22.–25.04.2004)
Eingeladen vom Instytut Filologii Germańskiej Uniwersytetu Wrocławskiego und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa, trafen sich in der Zeit vom 22. bis zum 25. April 2004 im polnischen Wrocław und im deutschen Breslau etwa dreißig Referenten beider Länder, um in beiden Sprachen zum Thema »Wrocław literacki – Literarisches Breslau« in den ehrwürdigen Prunkräumen der Leopoldina miteinander zu diskutieren über das im Laufe der Jahrhunderte sich wandelnde Breslau und seine Widerspiegelung in literarischen Werken vom Mittelalter bis in die jüngste Gegenwart.
Straße in Breslau

Eingeladen vom Instytut Filologii Germańskiej Uniwersytetu Wrocławskiego und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa, trafen sich in der Zeit vom 22. bis zum 25. April 2004 im polnischen Wrocław und im deutschen Breslau etwa dreißig Referenten beider Länder, um in beiden Sprachen zum Thema »Wrocław literacki – Literarisches Breslau« in den ehrwürdigen Prunkräumen der Leopoldina miteinander zu diskutieren über das im Laufe der Jahrhunderte sich wandelnde Breslau und seine Widerspiegelung in literarischen Werken vom Mittelalter bis in die jüngste Gegenwart.

Was könnte jemanden veranlassen, im fortgeschrittenen Alter sich auf die lange und beschwerliche Reise mit dem Zug von München über Prag nach Breslau zu wagen und noch wenige Tage vor der Osterweiterung der Europäischen Union zwei Grenzübergänge mit dreierlei Geldwährungen zu riskieren, wenn nicht die Liebe – zur Literatur?

Eingeladen vom Instytut Filologii Germańskiej Uniwersytetu Wrocławskiego und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa, trafen sich in der Zeit vom 22. bis zum 25. April 2004 im polnischen Wrocław und im deutschen Breslau etwa dreißig Referenten beider Länder, um in beiden Sprachen zum Thema Wrocław literacki – Literarisches Breslau in den ehrwürdigen Prunkräumen der Leopoldina miteinander zu diskutieren über das im Laufe der Jahrhunderte sich wandelnde Breslau und seine Widerspiegelung in literarischen Werken vom Mittelalter bis in die jüngste Gegenwart.

Mit vielfachen Grußworten bedacht – vom Institutsdirektor Professor Eugeniusz Tomiczek, vom Präsidenten der Stadt Breslau Jarosław Obremski, vom Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland Dr. Peter Ohr und von der Direktorin des Deutschen Kulturforums Dr. Hanna Nogossek –, eröffnet mit der Präsentation des soeben erschienenen Literarischen Reiseführers Breslau von Rowitha Schieb und musikalisch ausklingend in einem von Breslau und Lemberg inspirierten Konzert des Breslauer Gitarristen, Sängers und Schriftstellers Roman Kołakowski, endete vor zahlreichem Publikum im Oratorium Marianum der erste der vier Konferenztage.

Im selben Saal folgte am zweiten Tag die nuancenreiche Darstellung Breslaus in den Werken der Barockliteratur und der Aufklärung bis hin zur Romantik Eichendorffs und zum Realismus Gustav Freytags. Die buchstäblich druckfrisch am selben Tag erschienene Schlesische Gelehrtenrepublik, ein opulentes und dreisprachig angelegtes Werk, wurde präsentiert von den beiden Herausgebern Marek Hałub und Anna Mańko-Matysiak, die eine Folge weiterer Bände versprachen und zur Mitarbeit einluden. Ein literarischer Spaziergang, einer der im Literarischen Reiseführer Breslau von Roswitha Schieb geschilderten Route folgend, beschloss den zweiten Konferenztag, der bei Bier und Wein ein feucht-fröhliches Ende fand.

Der dritte und wohl am dichtesten mit Referaten ausgefüllte Konferenztag, in einem Hörsaal des Germanistischen Instituts durchgeführt, galt der Darstellung Breslaus in den Werken von Nachromantik und Biedermeier um Karl von Holtei und Carl Schall über die deutschsprachigen Romane des 19. und 20. Jahrhunderts und die sogenannte Breslauer Dichterschule bis hin zu den Brüdern Carl und Gerhart Hauptmann sowie der Widerspiegelung Breslaus in deutschen Zeitschriften und in den Werken oberschlesischer Autoren. Hervorzuheben sind die beiden Referate über die Literatur in Breslau und die Juden sowie über die Breslauer Haskala, die in einen bislang noch unerschlossenen Forschungsbereich umsichtig einführten. Seinen gesellschaftlichen Höhepunkt fand der vorletzte Konferenztag bei einem Empfang im Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland.

In der prachtvollen Aula Leopoldina erreichte an ihrem vierten und letzten Tag, gewidmet ausschließlich der polnischen Gegenwartsliteratur seit 1945, die Konferenz ihren glanzvollen Abschluß mit einem »Dialog zwischen Breslau und Wrocław«, an dem sich die Breslauer Autoren Agnieszka Wolny-Hamkało, Jerzy Łukosz, Tomasz Małyszek und Adam Poprawa mit Lesung und mitunter auch kontrovers geführter Diskussion engagierten, gewandt moderiert von Thomas Schulz, dem Polen- und Literaturreferenten des Deutschen Kulturforums östliches Europa. Gefragt nach ihren Annäherungen, Begegnungen und Erfahrungen mit Breslau als Stadt und als literarischer Landschaft, präsentierten die Schriftsteller ein buntes Kaleidoskop von sich überschneidenden, widersprüchlichen, identifizierenden und distanzierenden Ansichten, Schreibweisen und Zugängen, hinter denen sich ihre zärtliche Zuneigung und Liebe zu Breslau gleichsam verschämt verbarg, aber mitunter in ihren vorgetragenen Gedichten und Prosatexten auch bekenntnishaft offenbarte. Vielleicht bedarf es einer ähnlich langwährenden, literatur- und kulturgeschichtlich wie kunsthistorisch fundierten Annäherung aus distanzierter Ferne, vergleichbar dem weiten Reiseweg von München über Prag nach Breslau, zwei Länder- und Sprachgrenzen überwindend und mit dreifacher Währung und Sprachkenntnis versehen, um die wärmende Nähe dieser mit Leben und Phantasie pulsierenden Stadt zu erfahren und sie letztlich zu lieben, ohne sie besitzen zu wollen.

Was von den unvergeßlichen Konferenztagen, denen eine kontinuierliche Fortsetzung zu wünschen ist, wohl alle Teilnehmer mit nach Hause nahmen, war das Bewusstsein, einer Stadt begegnet zu sein, über die schon 1909 der oberschlesische Schriftsteller Arthur Silbergleit, Mitglied der Breslauer Dichterschule und als Gleiwitzer Jude im KZ Auschwitz 1943 ermordet, urteilte, sie sei gleichermaßen angesogen »vom Rausch der Gegenwart und vom Rost der Zeit«, eine »ruhmreiche Stadt mit der Doppelseele: Regsame auf den Ruf unserer Tage und Reliquie in den Schatzkammern alter Zeit«.

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