26.07.2016

Der »Kulturzug« fährt jedes Wochenende zwischen Berlin und Breslau, um den Austausch mit der Europäischen Kulturhauptstadt 2016 zu fördern. Präsentiert wird ein ein vielfältiges Kulturangebot aus Literatur, Musik, Theater und Ausstellungen. Zwei Praktikantinnen fuhren im Auftrag des Kulturforums mit und sammelten viele neue Eindrücke.

von Julia Göb und Lisa Brauer
von Julia Göb und Lisa Brauer
Der »Kulturzug« fährt jedes Wochenende zwischen Berlin und Breslau, um den Austausch mit der Europäischen Kulturhauptstadt 2016 zu fördern. Präsentiert wird ein ein vielfältiges Kulturangebot aus Literatur, Musik, Theater und Ausstellungen. Zwei Praktikantinnen fuhren im Auftrag des Kulturforums mit und sammelten viele neue Eindrücke.
Der »Kulturzug« fährt jedes Wochenende zwischen Berlin und Breslau, um den Austausch mit der Europäischen Kulturhauptstadt 2016 zu fördern. Präsentiert wird ein ein vielfältiges Kulturangebot aus Literatur, Musik, Theater und Ausstellungen. Julia Göb und Lisa Brauer, zwei Praktikantinnen, fuhren im Auftrag des Kulturforums mit und sammelten viele neue Eindrücke.

Bitte einsteigen: Noch bis Ende September 2016 fährt der Kulturzug von Berlin nach Breslau und zurück.

Los ging es bereits um halb neun Uhr in Berlin Lichtenberg, eine Uhrzeit, die Praktikanten naturgemäß nicht besonders liegt, für den Beginn einer Reise jedoch genau richtig ist.

Die Deutsche Bahn wäre jedoch nicht sie selbst, wenn der Zug auch tatsächlich pünktlich abfahren würde. So kamen wir zwar gerade pünktlich ans Gleis, der Zug ließ jedoch erst einmal auf sich warten.  Immerhin: Das ließ Zeit um sich ein Bild von den Mitreisenden zu machen, für die es im Kulturzug nach Breslau gehen würde. Zwischen einigen Grüppchen, die mit Reiseführern in der Hand bereits angeregt über ihre Pläne sprachen, konnten wir auch vereinzelte Rucksacktouristen ausmachen, die das Angebot wohl als günstige Möglichkeit der Weiterreise nutzten oder einen längeren Aufenthalt in der Odermetropole planten. Bald fuhr der Zug jedoch ein und es konnte losgehen.

Die Deutsche Bahn beweist: Deutsche Pünktlichkeit ist ein Klischee

Wieder war es jedoch die Deutsche Bahn, die für einen Wermutstropfen in der Vorfreude sorgte: Der günstige Preis von unter 20 Euro pro Strecke kam offensichtlich nicht aus reiner Herzensgüte: Die Zugabteile hatten schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel, so dass man während der Fahrt auf das eigene Zugteil beschränkt blieb. Man sollte meinen im Kulturzug sei das nicht weiter schlimm, schließlich würde man unterwegs bestens mit dieser versorgt, doch leider war die Sache mit der Kultur auf ein einziges Abteil beschränkt. So sprinteten wir direkt bei Cottbus in das »Kulturabteil«, um unserem Auftrag gerecht zu werden – schließlich wollten wir Reisende nach ihrer Intention für die Fahrt nach Breslau befragen.

Für die einen alte Heimat, für die anderen ein »fremdes Land«

Glücklicherweise waren viele Reisende bereit, uns Rede und Antwort zu stehen. So berichtete ein Paar davon, Polen schon seit Jahren als Reiseland sehr zu schätzen und insbesondere von der Landschaft in Masuren verzaubert zu sein. An Polen schätzen die beiden vor allem die Herzlichkeit der Menschen – eine Aussage, die wir so noch oft hören sollten und auch selbst in Breslau bestätigt sahen. Eine andere Dame wäre ohne den Kulturzug wohl nie nach Breslau gefahren, nutzte aber die Chance gemeinsam mit Freundinnen. Sie betonte, Polen sei für sie, die in Nordrhein-Westfalen geboren ist, ein noch fremdes Land.  Überwiegend schienen die Reisenden jedoch bereits häufiger in Polen gewesen zu sein, viele haben sogar Vorfahren aus ehemals deutsch besiedelten Gebieten. So wurde die Mutter eines Herrn aus Landsberg an der Warthe/Gorzów Wielkopolski vertrieben, nahm ihre Erinnerungen jedoch mit und teilte sie mit ihren Kindern. In der Familie wurde immer offen über die Erlebnisse jener Zeit gesprochen, insbesondere das kulinarische Erbe gepflegt. Augenzwinkernd berichtete er, dass insbesondere die Berliner Küche einen kargen Anblick bot – zu Hause wurden die alten Traditionen der Familie gepflegt.

Nowa Amerika? Liegt zwischen Deutschland und Polen!

Michael Kurzwelly stellte das Konzept von »Nowa Amerika« vor

Mit dem »Dazwischen« beschäftigt sich auch Michael Kurzwelly, »Spezialist für Wirklichkeitskonstruktion«, der als Beitrag zum Kulturprogramm das von ihm mitinitiierte Projekt »Nowa Amerika« vorstellte. Dies bezeichnet die Idee, das deutsch-polnische Grenzgebiet als neues Land zu denken, in dem sich die Unterschiede auflösen und etwas ganz eigenes entsteht. Sinnbild dafür ist die fiktive Stadt »Słubfurt« – ein Kunstwort aus Frankfurt (Oder) und Słubice, da dort beide Welten stattfinden. Wer also keine Lust mehr darauf hat sich zu entscheiden, könne ruhig einen Personalausweis von Nowa Amerika beantragen.

Büchercatering für unterwegs

Die fahrbare Bücherausleihe

Die restliche Kultur gab es häppchenweise in Form von Büchern über Breslau, die aus einem Flugzeugcateringwagen verliehen wurden. Der Literarische Reiseführer Breslau und der Kunstführer Breslau von Roswitha Schieb, beide in der Potsdamer Bibliothek, einer Reihe des Deutschen Kulturforums erschienen, waren natürlich dabei. Wer kein Buch mehr bekommen hat, konnte sich mit Informationen über berühmte Persönlichkeiten, die mit Breslau in einem Zusammenhang stehen, die Zeit vertreiben.

Ankunft in Breslau – Lost in Translation

Um kurz nach 13 Uhr war es aber endlich soweit: Der Zug erreichte Wroclaw Glówny, also Breslaus Hauptbahnhof. Von nun an hatten die Reisenden, die den Zug ab 19 Uhr zurück gen Berlin nehmen würden, ungefähr sechs Stunden Zeit. Für uns ging es jedoch erst einmal ins zentral gelegene Ibis Centrum Hotel. Vorsicht! Nicht verwechseln mit dem Ibis Styles Hotel direkt am Bahnhof!

Erste Station Bar Barbara, der offizielle Infotreffpunkt

Kurze Pause und weiter geht's: Zum Glück gelten die Kulturzugtickets auch für den öffentlichen Nahverkehr, so konnten wir mit der Tram direkt Richtung Altstadt fahren.  Wer sich genau über das Kulturprogramm informieren möchte, sollte zunächst der Bar Barbara einen Besuch abstatten: Dort befindet sich der offizielle Infopunkt der Europäischen Kulturhauptstadt. Aufgrund der eher unauffälligen Außenfassade, könnte man leicht vorbeilaufen, also Augen auf!

Das Wohnzimmer der Stadt: Der Rynek

Der stets belebte Große Ring – Rynek

Nur wenige Gehminuten entfernt erreichten wir bald das beeindruckende Breslauer Rathaus und damit das Herz der Stadt. Der Große Ring – polnisch Rynek – mit seinen vielen bunten Häuschen, Künstlern und nicht zuletzt Restaurants hat uns sofort überzeugt, doch nach einem ersten Rundgang mussten wir erst einmal eine Kleinigkeit essen. Schon im letzten Jahr war ich im Rahmen einer Journalistenreise des Deutschen Kulturforums in Breslau gewesen, so dass ich schon genau wusste, wo wir authentisch Essen konnten: in der Universitätskantine!

Original polnische Spezialitäten– Kantine oder Restaurant

 
Piroggen/Pierogi

In der Bar Bazylia finden sich erstaunlich wenig Touristen, trotz der prominenten Lage direkt am Hauptgebäude der Universität. Womöglich liegt das daran, dass es sich tatsächlich um eine Kantine handelt – Das Essen nehmen sich die Gäste selbst, abgerechnet wird nach Gewicht – Aber es lohnt sich! Neben frischen mediterranen Salaten, Desserts und sogar frisch gepressten Smoothies finden sich vor allem Klassiker der polnischen Küche. Piroggen – polnisch Pierogi – mit oder ohne Fleisch, Eintopf, Suppen – alles schmeckt fantastisch und selbst für Vegetarier ist die Auswahl sehr gut. Wer also Angst hat, von einer überteuerten Touristenfalle enttäuscht zu werden, kann sich hier gefahrlos stärken.

Breslau von oben – ganz ohne Turmsturz

Frisch gestärkt konnten wir uns davon überzeugen, dass der Berliner Lifestyle schon längst in Polen angekommen ist und tranken fantastischen Kaffee in einem stylischen Laden auf dem Weg zur Elisabethkirche. Dort nahmen wir den beschwerlichen Aufstieg von 90 Metern auf den Turm der Kirche auf uns, wo wir mit einem Panaroramablick über die ganze Stadt belohnt wurden. Beim Aufstieg wurden wir tatsächlich von einer älteren Dame überholt, was uns durchaus noch zu denken gab, dafür nahmen wir die Treppe nach unten in einem Rekordtempo.

Blick vom Turm der Elisabethkirche auf den Großen Ring

Die Stunden vergingen zu schnell, bald saßen wir wieder beim Essen – diesmal im »Pod Fredrą«, einem polnischen Restaurant direkt am Rathaus. Es wurde uns bereits im Hotel empfohlen und tatsächlich: Wir waren überzeugt – insbesondere das Sauerkraut haben wir bisher nirgendwo besser gegessen. Nebenbei sahen wir den Menschen auf dem Rynek zu: Eine bunte Mischung aus Paaren, Jungesellenabschieden und Laufvolk – Sehen und gesehen werden.

Neon, Bässe und Kultur zum Trinken

Alte Neonreklame als angewandte Kunst in der Ruska 46c

Ein nächster Höhepunkt erwartete uns direkt hinter der Altstadt: In der Ruska 46c. Ein dunkler Hinterhof mit Graffiti im Eingangsbereich, sicher würden ihn einige Leute als schäbig bezeichnen: An den Hauswänden prangt Neonwerbung der vergangenen Jahrzehnte. Die Atmosphäre ist fast gespenstig – die wummernden Bässe führten uns von dort aus in einen benachbarten Hof, in dem die studentische Jugend den Samstagabend begeht. Wir begnügten uns mit dem Zusehen und widmeten uns dem Kulturgut Wodka. Der öffentliche Nahverkehr ließ uns im Stich, dafür konnten wir zu Fuß das nächtliche Breslau auf dem Weg ins Hotel bestaunen.

Schokolade zum Frühstück auf Polnisch

Bazjaderka-Törtchen zum Frühstück

Am nächsten Tag verliefen wir uns zuerst in Nadodrze, der Odervorstadt. Auf der Suche nach den Parallelen zu Berlin landeten wir dann doch in einer sehr traditionell aussehenden Konditorei, wo wir Kuchenzeit zum Frühstück abhielten: Die Dame hinter dem Tresen hatte sichtlich Spaß an unseren dilettantischen Versuchen auf Polnisch zu bestellen – dafür kamen wir dann in den Genuss eines besonderen Törtchens: Bazjaderka genannt. Zurück in Richtung Altstadt fanden wir dann das Berlinflair in Form eines sehr hippen Cafés, auch preislich waren wir definitiv nah dran der deutschen Hauptstadt.

Liebesgrüße aus Breslau

Dass die Liebe eine Last sein kann, zeigt eindrucksvoll die Dombrücke/Most Tumski.

Ein touristisches Highlight sollte uns aber noch erwarten: Der Breslauer Dom imponierte uns, insbesondere als der Weg dorthin von zwei Geigerinnen musikalisch untermalt wurde. Großen Eindruck hinterließ bei uns natürlich auch die über und über mit Liebesschlössern in allen Farben und Größen behängte Dombrücke/Most Tumski, praktischerweise verkaufte ein Händler gleich daneben Schlösser für spontane Liebesbeweise. Wir beließen es beim Schauen und ich bekam endlich mein Bigos. Dies zu finden war gar nicht so einfach, da selbst einige auf polnische Küche spezialisierte Restaurants diesen doch recht aufwendigen Klassiker nicht immer auf der Karte haben. Im »Wrocławska Gastropub« wurden wir jedoch fündig – die Spezialität wurde hier stilecht im Brot serviert!

So ging ein viel zu kurzes Wochenende vorbei, wobei natürlich auch die Rückfahrt im Kulturzug noch zu erwähnen ist:

Rendezvous mit dem Stadtschreiber

Überraschenderweise trafen wir dort unseren Stadtschreiber Marko Martin, der von einer polnischen Germanistin interviewt wurde. Einige Zuhörer kannten auch seinen Blog, in dem er seit April aus Breslau berichtet, und konnten im Anschluss Fragen stellen. Die Musikgruppe verpassten wir leider, da diese in einem anderen Abteil auftrat.

Unser Fazit: Zugfahrt mit Kinderkrankheiten, Kultur­haupt­stadt zum Wiedersehen

Das Denkmal »Przejście« von Jerzy Kalina erinnert an die Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1981.

Der Kulturzug brachte uns kostengünstig hin und zurück, allerdings muss Reisenden bewusst sein, dass es sich um ein altes Zugmodell handelt. So blieb die Reise nicht ohne ungeplante Unterbrechungen und die Funktionstüchtigkeit der Klimaanlage bleibt bei über 30 Grad Celsius im Zug ein riskantes Glücksspiel. Die Kommunikation des Kulturprogrammes verlief in unseren Augen zu holprig, da ein Umstieg zwischen den einzelnen Abteilen nur an den Zwischenhalten möglich ist. Insbesondere für ältere Leute, die sich auf einen bestimmten Programmpunkt gefreut haben, ist das sehr schade.

Breslau weiß auch Leute zu überzeugen, die bisher nur den Westen Europas bereist haben und entlockt so manch unbedarftem Besucher ein Staunen über die doch sehr westliche Lebensart. Immer noch lebt das Klischee des wilden Ostens in den Köpfen, doch Breslau zeigt sich als moderne, spannende Stadt, die sowohl ihr historisches Erbe als auch eine stetige Weiterentwicklung pflegt.

Nützliche Links

weitere Impressionen von der Reise
www.facebook.com/dkfoe

Kulturhauptstadt:
www.wroclaw2016.pl

Kulturzug:
www.breslau.berlin/kulturzug

Essen & Trinken auf tripadvisor.com
Bar Bazylia
Pod Fredrą
Wrocławska Gastropub

Stadtschreiber-Blog:
www.stadtschreiber-breslau.de

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