16.01.2003

Ein Bericht von der 9. Tagung des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger vom 26.-29. September 2002 im Polnischen Institut Leipzig

Von Claudia Tutsch
Von Claudia Tutsch
Ein Bericht von der 9. Tagung des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger vom 26.-29. September 2002 im Polnischen Institut Leipzig
Die diesjährige Tagung wurde vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Osteuropas e.V. (GWZO) mit Unterstützung des Polnischen Instituts (PI) ausgerichtet. Das Thema, „der Umgang mit dem kulturellen Erbe in Deutschland und Polen im 20. Jahrhundert“, war in drei Sektionen unterteilt: Kulturelle Identität und Aneignung – deutsche und polnische Denkmalpflege; Städtebau, Architektur und Kulturraum sowie die Verlagerung von Kulturgütern.

Die diesjährige Tagung wurde vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Osteuropas e.V. (GWZO) mit Unterstützung des Polnischen Instituts (PI) ausgerichtet. Das Thema, »der Umgang mit dem kulturellen Erbe in Deutschland und Polen im 20. Jahrhundert«, war in drei Sektionen unterteilt: Kulturelle Identität und Aneignung – deutsche und polnische Denkmalpflege; Städtebau, Architektur und Kulturraum sowie die Verlagerung von Kulturgütern.

Kulturelle Identität und Aneignung – deutsche und polnische Denkmalpflege

In der Denkmalpflege des 20. Jahrhunderts gibt es zwei konträre Positionen: die sog. »schöpferische« Denkmalpflege, die von einem Ideal des zu restaurierenden Denkmals ausgeht, und die Denkmalpflege, die die Substanzerhaltung als wichtigste Aufgabe ansieht.

Prof. Dr. Tomaszewski (Warschau), einer der Begründer des Arbeitskreises, legte in seinem Vortrag anhand der Restaurierung des Krakauer Wawels vor dem Ersten Weltkrieg und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie der Rekonstruktion von Danzig nach dem Zweiten Weltkrieg die Vorstellungen und Methoden der Denkmalpflege in Polen im 20. Jahrhundert dar. Ziel der Denkmalpfleger war es, das Bild der für die Identität der Polen wichtigen zerstörten Erinnerungsorte wieder herzustellen. Die nachfolgenden Referenten vertieften das Thema: Mgr. Dettloff (Krakau) für den Zeitraum 1900 bis 1939 am Beispiel der Restaurierung des Wawels in Krakau und des Schlosses in Warschau sowie des Rückbaus von katholischen Kirchen, die während der russischen Besatzungszeit in orthodoxe Kirchen umgewandelt wurden. Frau Dr. Omilanowska (Warschau) ging auf die Restaurierung von historischen Denkmälern ein, die während des Ersten Weltkrieges teilweise bewusst zerstört wurden. Die Denkmalpfleger vertraten die Auffassung, dass die historischen Gebäude, dazu gehören auch Wohnhäuser und die dörfliche Architektur, den Charakter des Landes ausmachen und somit wesentlich zur Identität beitragen. Die schon sehr früh im Krieg zerstörte Stadt Kalisz wurde zum Modell des Wiederaufbaus, dem es um die Wiederherstellung der historischen Stadtstruktur im Sinne eines Ideals ging.

Dr. Körner (München) und Frau Dr. des. Brandt (Berlin) stellten anschließend die Denkmalpflege in Deutschland im 20. Jahrhundert vor. Während man um 1900 die Wiederherstellung eines Denkmals im Sinne eines Idealbildes ablehnte, wurde dieser Standpunkt in den 20er Jahren dahingegen relativiert, dass man sich von der Wiederherstellung der »Schönheit des Denkmals« vorbildhafte Impulse gegen die „Verrohung und Verwilderung der Sitten“ erhoffte. Während der NS-Zeit wurden Denkmäler im Sinne der herrschenden Ideologie wiederhergestellt. In den 60er Jahren entfernte man sich von den Prinzipien der »schöpferischen« Denkmalpflege. In den 70er Jahren wurde die 1964 verabschiedete Charta von Venedig, die die Substanzerhaltung als wichtigste Aufgabe formuliert, zur Grundlage der Denkmalpflege. Die »Erfurter Konferenz« von 1956, zu der Teilnehmer aus Prag, Warschau; Bratislava, Ungarn, Bulgarien, der Schweiz und aus Westdeutschland eingeladen wurden, ist der wichtigste theoretische Beitrag zu denkmalpflegerischen Fragen in den 50er Jahren.

Es folgten Einzelbeispiele der Denkmalpflege: Dr. Hinterkeuser (Berlin) stellte anhand des unterschiedlichen Umgangs mit den im Krieg zerstörten Schlössern in Warschau und Berlin Denkmalpflege im Dienst einer Staatsidee dar; Frau Prof. Dr. Jakimowicz (Posen/Poznań) zeigte am Beispieles des Rathaus zu Posen, wie sich die Ideale der jeweiligen Zeit in der Restaurierung wiederspiegeln.

Städtebau – Architektur – Kulturraum

In dieser Sektion ging es um die Einbeziehung von historischen Gebäuden und Denkmälern in ein städtebauliches Konzept. Mgr. Markiewicz und Mgr. Sujecki stellten die Ząbkowska-Straße vor, eine der ältesten Straßen des Stadtteils Praga in Warschau, als ein positives Beispiel für den Umgang mit historischen Gebäuden aus der Wende vom 19. Jahrhunderts zum 20. Jahrhunderts. Frau Dr. Grzeszczuk-Brendel zeigte in ihrem Vortrag den Umgang mit dem bauhistorischen Erbe der preußischen Zeit in Posen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Stadt war von den Erstörungen des Krieges verschont geblieben. Die Deutschen und Juden hatten sie nach dem Krieg weitgehend verlassen. Die neuen Bewohner kamen aus verschiedenen Teilen Polens und empfanden die vorgefundene Architektur als fremd. Dr. Bartetzky (Leipzig), Dr. Eysymontt (Breslau) und Dr. Frank (Mainz) zeigten anhand von Leipzig und polnischen Städten den Umgang mit historischen Altstädten nach 1989 bzw. nach 1985.

Des Weiteren wurde der Umgang mit exponierten Gebäuden wie dem Schwarzhäupterhaus in Riga (Prof. Dr. Sparitis, Riga), dem Luther-Wohnhaus in Wittenberg (Dr. Laube, Wittenberg) und dem Haus Wolf von Mies van der Rohe in Guben/Gubin (Dr. Klausmeier, Cottbus) vorgestellt.

Verlagerung von Kulturgütern

Bei diesem Themenkomplex ging es um den Umgang mit den im Zweiten Weltkrieg geraubten und verschleppten Kunstwerken und Kulturgütern sowie um die Problematik ihrer Rückführung. Frau Dr. Dehnel (Magdeburg) stellte an ausgewählten Beispielen den Kunstraub in Polen 1939-1945 vor und die Restituierung von Kunstwerken durch die Alliierten zwischen 1945 und 1949. Die Schwierigkeiten bei der Rückführung der im Krieg verschleppten Kulturgüter zwischen Deutschland und Polen schilderte Frau Dr. Cieślińska-Lobkowicz (Warschau/Mörnsheim). Dr. Hartmann (Magdeburg) beleuchtete die Rückführung von kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern zwischen der DDR und Polen. Am Beispiel des Krakauer Behaim-Codex zeigte Frau Arend (Berlin), wie deutsche Wissenschaftler die Kriegssituation für ihre Forschungsvorhaben nutzten. Frau Dr. Wyrzykowska (Breslau) zeigte am Beispiel der Wiederherstellung der Ausstattung der Klosterkirche zu Leubus die Problematik, die sich daraus ergibt, dass nach dem Krieg eine große Zahl von Kunstwerken gerade aus Schlesien in die Warschauer Museen gebracht wurde.

Neben namhaften Wissenschaftlern und Denkmalpflegern nahmen auch zahlreiche jüngere Kunsthistoriker an der Tagung teil. Von den über 80 Teilnehmern kam mehr als ein Drittel aus Polen.

Die nächste Tagung des Arbeitskreises wird Ende September 2003 in Warschau stattfinden. Das Thema ist »Wanderungen« – gemein sind sowohl Wanderungen von Künstlern von Deutschland nach Polen und umgekehrt, als auch der Transfer von Kunstwerken, sei es als Auftragsarbeit, durch Kauf, als Geschenk oder durch Raub.

Beiträge zum Themenkreis auf der Hompeage des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker »Das Gemeinsame Kulturerbe«
Die Konferenz war zugleich das neunte Treffen des Arbeitskreises. Fester Bestandteil der Arbeitskreistagungen ist die sogenannte Informationsbörse, in der über laufende wissenschaftliche Einzel- und Gruppenprojekte zu Architektur, Bildender Kunst und Denkmalpflege aus dem Bereich des gemeinsamen Kulturerbes von Polen und Deutschen (mit Schwerpunkt auf den historischen deutschen Ostprovinzen, d.h. dem heutigen Nord- und Westpolen) berichtet wird. Die Beiträge der »2002er Börse« sind hier veröffentlicht.

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