Ein Bericht der Projektleiter Tina Marie Lesch, Flensburg, und Stephan Müller, Berlin (Geschichtsbüro Müller)

Ein Bericht der Projektleiter Tina Marie Lesch, Flensburg, und Stephan Müller, Berlin (Geschichtsbüro Müller)
Also doch keine Wahlen in Gubin – oder Guben, wo die Plakate ebenfalls gesichtet wurden. Nein, über zwanzig Schüler aus Guben und Gubin haben nach einem einführenden Workshop zwölf Bürger beider Stadthälften interviewt und aus den Antworten für die geteilte Stadt Symptomatisches ausgewählt. Die daraus entwickelten Plakate wollten den Bewohnern jen- und diesseits der Oder ihre Nachbarn vorstellen.

Die Idee zum Schulprojekt »Guben – Gubin 2013. Nachbarn – Sąsiedzi« entstand während eines vorhergehenden Vorhabens, welches wir 2011 in Guben und Gubin organisiert und durchgeführt hatten. Im Rahmen des vom Kulturforum konzeptionierten Projekts Studenten machen Schule hatten wir uns 2010/2011 darauf vorbereitet, selbstständig eine Unterrichtseinheit zu den östlichen Nachbarregionen Deutschlands an einer Schule im deutsch-polnischen oder deutsch-tschechischen Grenzgebiet durchzuführen. Unsere Schüler und Schülerinnen fanden wir in Neuzelle, unweit von Guben und Gubin, und gemeinsam mit ihnen erforschten wir drei Tage lang unter dem Titel Steinerne Zeugen Straßen, Denkmäler und Gebäude, die exemplarisch für die Geschichte beider Städte stehen. Seit dieser ersten vorsichtigen Erkundungstour hat uns die Doppelstadt an der Neiße in ihren Bann gezogen.

Die Schüler beim Wechsel von Guben nach Gubin – im Hintergrund der Backsteinturm der Gubiner Pfarrkirche – zu den Interviewpartnern, die auf der polnischen Seite befragt wurde, nämlich im …

Bei unseren mehrmaligen Besuchen in Guben und Gubin fiel uns auf, dass die Einwohner wie selbstverständlich mit der Grenze umgehen und die Überquerung der Brücke, um von einer Innenstadt in die andere zu gelangen, bei vielen Menschen zum Alltag dazu gehört. Für uns war und ist das immer noch ein Erlebnis. Andererseits wurde uns auch regelmäßig bewusst, wie wenig beide Seiten über die Nachbarn wissen und wie viele tief verwurzelte Vorurteile hier wie da die natürliche Neugier blockieren. Wir waren demgegenüber in der glücklichen Lage, durchaus offene Bürger und Bürgerinnen auf beiden Seiten zu kennen, die sich sehr für ihre Stadt engagieren. Und da reifte langsam ein Plan in uns heran, wie man die Neugier der Menschen hervorrufen und zur gegenseitigen Verständigung nutzen könnte. Wie es Herr Gajda, Leiter des »Kulturhauses« (Dom Kultury) in Gubin und wichtiger Unterstützer des Projekts, so treffend bemerkte: Wir waren wie Kommandanten eines Ufos, das in der Doppelstadt gelandet war, die versuchten, die neue Umgebung erst zu verstehen und dann zu gestalten. Mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen, die solch eine »Invasion« mit sich bringen mag.

Die Idee war so einfach wie ambitioniert und wurde inspiriert vom Projekt Aurith/Urad, realisiert vom Designerteam anschlaege.de: Die Nachbarn aus beiden Städten sollten sich gegenseitig vorgestellt werden, und zwar auf Plakaten, direkt auf der Straße, so dass alle die Möglichkeit haben würden, ihre Neugier zu stillen. Die Porträtierten sollten weitgehend unbekannt sein, denn bei einem Gesicht, das man jeden Tag in der Zeitung sieht, bleibt man sicher keine halbe Minute stehen, um etwas über die Person zu erfahren. Nach unseren bisherigen positiven Erfahrungen aus Schülerprojekten war auch klar, dass nicht wir die neuen Berühmtheiten porträtieren würden, sondern Schüler und Schülerinnen aus beiden Städten sollten diese Aufgabe übernehmen.

Wir mussten allerdings Freiwillige finden, die mit so ein bisschen Ruhm umgehen konnten, und Schulen ansprechen, die sich auf dieses Experiment einlassen würden. Die Vorbereitungen begannen über ein halbes Jahr vorher mit der Erarbeitung eines Konzeptes und eines Projektplans. Es folgten Recherchen und Kontaktaufnahmen zu Schulen, Organisationen und Vereinen und zu den beiden Stadtverwaltungen in Guben und Gubin, die unsere Stadtverschönerungsaktion schließlich genehmigen mussten. Die Terminfindung erwies sich als Schwierigkeit, auch aufgrund der Plakatierung für die Bundestagswahlen im September, mit der wir nicht kollidieren durften.

Nach einigen Besuchen in unserer Lieblings-Doppelstadt konnten wir mit der Europaschule Guben, dem Gymnasium Neuzelle und dem Liceum Gubin drei Schulen für die Teilnahme an dem Projekt gewinnen. Nach einigen weiteren Besuchen, unzähligen E-Mails und Telefonaten konnten wir grob ein Dutzend Interviewpartner aus Guben und Gubin davon überzeugen, an dem Projekt teilzunehmen. Schlussendlich trafen alle Beteiligten dann am 24. und 25. September 2013 aufeinander.

… »Kulturhaus« (Dom Kultury), in das hier gerade Tina Marie Lesch, die zusammen mit Stephan Müller das Projekt entwarf, leitete und durchführte, die Ankommenden einlädt.

Den ersten Projekttag verbrachten wir mit 25 Schülern und Schülerinnen in der Aula der Gubiner Schule mit Kennenlernen und Vorbereitungen auf die Interviews. Nach einem gemeinsamen Brainstorming zu den Interviews, welches uns weit in die Geschichte der Doppelstadt zurück führte, und einem Workshop zur »oral history« waren alle Gruppen zwar vorbereitet, nichtsdestotrotz doch sehr aufgeregt. Am nächsten Tag trafen wir uns wieder in der Stadtbibliothek in Guben, und die Schülergruppen empfingen zwischen 9 und 15 Uhr zwölf Interviewpartner. Uns mit den teilnehmenden Lehrerinnen abwechselnd, begleiteten wir die Interviews sowie den Vor- und Nachbereitungsprozess. Dr. Vera Schneider und Ariane Afsari vom Deutschen Kulturforum östliches Europa unterstützten uns dabei und machten unter teilweise widrigen Bedingungen allerfeinste Porträts und allerlei andere Fotos, die jetzt diesen Bericht zieren.

Ein Schülerinnenteam beim Interview mit Stefan Pilaczyński, der sich in der »Vereinigung der Freunde des Gubener Landes« (Stowarzyszenie Przyjaciół Ziemi Gubińskiej) engagiert.

Jedes Interview war sowohl für die Teilnehmer als auch für die Begleitpersonen ein neues Abenteuer. Manche dauerten eine Viertel-, andere eine ganze Stunde. Die einen stützten sich auf das gemeinsame Bekannte, andere tauchten in das völlig Fremde ein. In jedem Fall ist Vieles hängen geblieben, genug um die Auswahl der Informationen für die Plakate zur fast unmöglichen Aufgabe zu machen. Am Ende des für alle beteiligten langen Tages hatten wir zwölf digitale Ordner mit jeweils einem Porträt, einem Namen und vier bis fünf Stichpunkten zur Person. In keinem Fall sind dabei genau die Informationen gedruckt worden, die wir selbst wahrscheinlich ausgewählt hätten – die Auswahl trafen die Schüler selbst. Im Ergebnis konnten wir ein paar Wochen nach den Projekttagen in Guben fünf Gubiner und in Gubin sieben Gubener vorstellen. Wir verteilten an die 80 Plakate in der Doppelstadt.

Die Zusammenarbeit mit der lokalen Presse erhöhte in den nächsten beiden Wochen die Aufmerksamkeit. So wurde von der Lausitzer Rundschau zunächst darüber berichtet, dass so kurz nach den Bundestagswahlen wieder ähnliche Plakate in der Stadt hingen. Einige Tage später wurden Personen aus der Politik und dem Kulturbereich dazu befragt, was es mit den Plakaten wohl auf sich habe.

So wurde das Interview dann schließlich in Plakatform gebracht und auf Gubener Seite aufgehängt.

Nach zwei Wochen haben wir dann in einer Pressekonferenz im Gubener Rathaus mit den beiden Stadtverwaltungen und dem Deutschen Kulturforum östliches Europa die Aktion aufgelöst, zeitnah wurde in Medien dies- und jenseits der Neiße über die Aktion berichtet. Am folgenden Wochenende hatten damit dann alle Interessierten nochmals Gelegenheit, sich die Plakate in beiden Städten anzusehen.

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