05.10.2018 - 13.01.2019
Kunstforum Ostdeutsche Galerie
Dr.-Johann-Maier-Straße 5, 93049 Regensburg, Deutschland

Paul Holz

Eine Ausstellung über den »Schlachter des guten Gewissens«

Das Liniengeflecht verdichtet sich zu einem Gesicht, zu einem Körper, während aus schwarzen Tusche pfützen ein eindringlicher Blick hervorsticht. Die Zeichnungen von Paul Holz (1883–1938) stellen psychologische Beobachtung vor Naturnähe. Ungewohnt groß formatig setzt er meist einzelne Figuren in Szene, Menschen wie Tiere, oft inspiriert von Romanen Dostojewskis, Gogols oder Hamsuns. Über 100 seiner hervorragenden Blätter zeigt das Kunstforum Ostdeutsche Galerie ab dem 5. Oktober. Die Hälfte davon stammt aus der eigenen Sammlung, die andere – darunter auch Bücher aus der Bibliothek des Künstlers mit seinen Einzeichnungen – sind Leihgaben des Kooperationspartners, der Akademie der Künste, Berlin. Ausgewählte Vergleichsbeispiele von seinen Zeitgenossen wie Alfred Kubin, Käthe Kollwitz oder George Grosz verdeutlichen das Besondere und Einzigartige am Schaffen von Paul Holz.

Der Titel »Schlachter des guten Gewissens« nimmt Bezug auf mehrere wichtige Aspekte in Paul Holz' zeichnerischem Schaffen. Weniger wie ein Künstler sehe er aus denn wie ein Fleischermeister, berichteten seine Freunde über ihn. »In einem Brief aus dem Jahr 1926 an den Verleger Reinhard Piper hat Paul Holz sich selbst einmal als Schlachter dargestellt. Zwei Entwürfe zu der Darstellung sind in der Ausstellung zu sehen« erklärt die Kuratorin Dr. Nina Schleif. Sie zitiert den Text:

»Lieber Herr Piper[,] jetzt komm ich und schlachte Ihr gutes Gewissen, wenn Sie mir bald nicht was schicken[.]
Ihr Paul Holz.«

Die Schlachter-Metapher verwendete Holz freundschaftlich augenzwinkernd, um Piper an den Tausch von Zeichnungen gegen Bücher zu erinnern, den sie vereinbart hatten. Doch ist dieser Brief auch im Kontext der letztlich für Holz erfolglosen Verhandlungen zu sehen, Illustrationen für Romane schaffen zu dürfen. Seine Zeichnungen waren für den Geschmack des Literaturbetriebs zu drastisch, zu frei, zu wenig gefällig.

Das Schlachter-Thema stellte Paul Holz noch häufiger dar als etwa sein Zeitgenosse George Grosz. Und obwohl Holz in die Kunstgeschichte als Zeichner gesellschaftlicher Randfiguren eingegangen ist, war er kein erklärter Moralist. Er agierte in seiner Kunst nicht mit erhobenem Zeigefinger – doch er legte seinen Finger in die Wunden, die das Leben bei vielen Menschen verursacht.

Als Anhänger der um 1900 populären Einfühlungsästhetik erhoffte er, dass sich die Betrachter von seinen Figuren, deren Schicksalen und den dargestellten Ungerechtigkeiten des Lebens ergreifen lassen. Es waren meist Einzelfiguren, die er in den Mittelpunkt rückte: Bildnisse von Menschen, denen er sich persönlich und emotional nahe fühlte, also von Familienmitgliedern, Freunden, Schriftstellern und fiktiven Gestalten. In der Mehrzahl zeigte er Männer, seltener Frauen. Seine Porträts verzichten auf Idealisierung. Oft entwickelte er Typen, indem er die charakteristischen Merkmale der Personen herausarbeitete.

Insbesondere inspirierten ihn literarische Figuren – Fjodor Dostojewski, Nikolai Gogol oder Knut Hamsun zählten zu seinen bevorzugten Autoren. Seine Vorliebe für Literatur äußert sich auch in den vielen Zitaten, die Holz in seine Zeichnungen integrierte, wobei er die Schrift gezielt als prägendes grafisches Element in die Komposition einband.

Eine Besonderheit sind Bücher aus Paul Holz' Bibliothek, die er vielfach mit Einzeichnungen versehen hat. Neun davon, die für die Regensburger Ausstellung von der Akademie der Künste in Berlin ausgeliehen werden konnten, geben Einblick in Holz' intensive Auseinandersetzung unter anderem mit Francisco de Goya, George Grosz, Paul Klee, Alfred Kubin oder Rembrandt van Rijn, auf deren abgedruckte Werke er mit eigenen Skizzen reagierte.

Die Idee, das künstlerische Umfeld von Paul Holz, also seine Vorbilder und Künstlerfreundschaften anhand von Blättern einiger seiner Zeitgenossen aufzuzeigen, greift auch die Ausstellung auf. Zeichnungen und Druckgrafik von Max Beckmann, Alexander Camaro, George Grosz, Erich Heckel, Josef Hegenbarth, Käthe Kollwitz, Alfred Kubin, Ludwig Meidner, Otto Müller und Wilhelm Ohm aus der Sammlung des Kunstforums Ostdeutsche Galerie werden Arbeiten von Holz gegenübergestellt. Ein solcher Vergleich macht die Eigenheiten und Besonderheiten, aber auch die Qualität von Paul Holz' Œuvre sichtbar. Obwohl er Autodidakt war und sein Staatsexamen als Zeichenlehrer erst als über 40-Jähriger ablegte, genoss seine Zeichenkunst unter seinen Zeitgenossen höchste Anerkennung.

Kurz nachdem er 1925 Kunstlehrer an einem Gymnasium in Breslau wurde, betraute ihn der Direktor der dortigen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Oskar Moll mit der Ausbildung der Zeichenlehrer. Mit seinen innovativen Lehrmethoden, die nicht auf die naturgetreue Wiedergabe gerichtet waren, sondern die emotionale Ausdrucksstärke in den Mittelpunkt stellten, wurde er zum tonangebenden Kunstpädagogen in Schlesien.

Nachdem die Akademie 1932 geschlossen wurde und Holz als Gymnasiallehrer nur noch in Schleswig eine Anstellung bekam, musste er mit seiner Frau und den zwei Töchtern die Kulturmetropole verlassen. 1938 starb Holz mit 55 Jahren. Eine große Retrospektive bekam der Künstler erst zu seinem 100. Geburtstag 1984 am Berliner Kupferstichkabinett. Im gleichen Jahr widmete auch die damalige Ostdeutsche Galerie in Regensburg Holz eine umfangreiche Ausstellung und erwarb 2006 ein größeres Konvolut Zeichnungen des Künstlers aus dem Nachlass.

Die Regensburger Ausstellung

Aus diesem auch durch weitere Ankäufe erweiterten Bestand schöpft die Ausstellung »Schlachter des guten Gewissens. Der Zeichner Paul Holz«, die das Kunstforum Ostdeutsche Galerie anlässlich des 80. Todestages von Paul Holz veranstaltet. Die knapp 60 eigenen Blätter ergänzen ungefähr genauso viele Leihgaben des Kooperationspartners, der Akademie der Künste, Berlin. Die Präsentation führt einige der Hauptthemen im Schaffen des Künstlers vor Augen.

Den Auftakt bilden einige frühe Arbeiten, die veranschaulichen, wie Holz von detaillierten, erzählerisch aufgefassten mehrfigurigen Szenen zu seinen eindrucksvollen Darstellungen einzelner Figuren gelangt. Meist macht diese Zeichnungen weniger ein charakteristischer Gesichtszug aus, als vielmehr die Körperhaltung, die sehr suggestiv eine innere Verfassung zum Ausdruck bringt. Auch die Familienmitglieder stellt er stets in einer bestimmten Pose oder Situation, also als Typen dar. So erscheint die Mutter weinend am Grab einer Verwandten – für Holz wohl eines der letzten intensiven Bilder bevor auch sie selbst starb. Den Bruder hält er vielfach als einen von Krankheit und schließlich vom Tod gezeichneten Mann fest. Tod und Leid und die Art und Weise wie sie die menschliche Erscheinung prägen, bilden den Grundtenor von Paul Holz‘ Zeichnungen. Landstreicher, Betrunkene, Behinderte, Bettler oder vom harten Leben gezeichnete Bauern gehören zu den häufigsten Motiven.

Als vergleichsweise leichtfüßig und manchmal sogar fröhlich stechen Holz‘ Blätter aus dem Bereich Zirkus und Varieté hervor. Mit seiner Sicht auf diese spezifische Welt voller eigenartiger Gestalten, die der Unterhaltung anderer dienen sollen, stand er den deutschen Expressionisten sehr nahe. Für Holz waren sie zwar mit einem gewissen Zauber versehen, doch verstand er sie als Vertreter eines real existierenden Prekariats. In diesem Punkt unterscheiden sich seine Darstellungen von denen zeitgenössischer Künstler wie Max Beckmann und George Grosz, wo die Figuren meist Allegorien für gesellschaftliche und menschliche Abgründe sind.

Holz‘ besondere Empfindsamkeit für Tiere lässt sich aus den Tierdarstellungen – sei es im Zirkus, auf dem Lande, bei der Arbeit, im Schlachthaus oder der freien Natur – ablesen. Pferde und Gäule nehmen fast immer eine gleichwertige und oft wichtigere Position ein als ihre Halter – ein Ausdruck des Respekts vor dem Tier und dessen Dienst für den Menschen. Ein umfangreicher Teil von Paul Holz’ Tierdarstellungen galt dem Schlachtbetrieb. Bei einigen Szenen scheint er an kunsthistorische Vorläufer anzuknüpfen, wie Rembrandt van Rijn oder Lovis Corinth.

Schlachter, Metzger – das waren in den 1920er Jahren auch beliebte Charaktere bei dem für Holz bedeutenden George Grosz. Während aber Grosz einen zeitgeschichtlichen Bezug insbesondere zur Wirtschaftskrise und Unterversorgung herstellt, hat für Holz das Sujet eine andere Bedeutung: Einerseits enthält dies einen biografischen Aspekt – der Mann seiner Schwester Anna war Schlachter. Andererseits nahm das Thema in Holz‘ Kunst einen fast metaphysischen Zug an. Das Ausgeliefertsein der Tiere, ihre letzten Momente, ihre Objektwerdung nach dem Tod als Nahrungsmittel Fleisch standen im Vordergrund.

Der Kreis der von Holz mit Zeichnungen geehrten Autoren ist eng umrissen. Sein Favorit war Fjodor Dostojewski, von dessen Büchern er sich zwischen 1919 und 1925 zu über 200 Illustrationen anregen ließ. Nur eine allerdings wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht: seine Darstellung des Fetjukowitsch, einer Figur aus dem Roman Die Brüder Karamasow, die 1920 als Lithografie in einer Dostojewski-Grafikmappe erschien. Wie viele deutsche Künstler nach der Jahrhundertwende hatte Holz den Russen für sich entdeckt. Am nachdrücklichsten war für ihn die Lektüre des Romans Aufzeichnungen aus einem Totenhaus. Der Zeichner entwickelte ganz unterschiedliche Ansätze, sich dem Text zu nähern – von der wörtlichen Illustration bis zur eigenen Zudichtung.

Der Rundgang schließt mit einigen ausgewählten Porträts und Selbstporträts. Die Präsentation umfasst einen Exkurs zu Paul Holz‘ Karriere als Kunstpädagoge, der eine Kostprobe einer anhand von Holz‘ Aufzeichnungen rekonstruierten Kunstunterrichtsstunde bietet. Dieser Kurzfilm konnte dank der Unterstützung des Bayerischen Rundfunks vertont werden

Ausstellungseröffnung

Donnerstag, 4. Oktober 2018
19:00 Uhr
weitere Informationen

Begleitprogramm

Sonntag, 7. Oktober 2018
Kindereröffnung
Die jüngsten Museumsgäste begeben sich mit Paul Holz in die Welt des Zirkus‘.

Donnerstag, 11. Oktober 2018, 19:30 Uhr
Kuratorenführung
mit Dr. Nina Schleif

Mittwoch, 10. Oktober 2018, 13:00 Uhr
Kurzführung zur Mittagspause
von da an vierzehntägig

Donnerstag, 15. November 2018, 18:30 Uhr
»Der Weg allen Fleisches«
Dr. Nina Schleif erläutert in ihrer Spezialführung die unterschiedlichen Facetten der Schlachterthematik, die sich wie ein roter Faden durch die ganze Präsentation zieht.

Sonntag, 9. Dezember 2018, 14:00 Uhr
»Neben dem Bauhaus. Avantgarde in Breslau«
Dr. Johanna Brade vom Schlesischen Museum Görlitz beleuchtet in einer Expertenführung die modernen Lehrmethoden von Paul Holz im Kontext der äußerst fortschrittlich ausgerichteten Kunstakademie in Breslau.

Donnerstag, 6. Dezember 2018, 19:00 Uhr
Gogol und Dostojewski in Wort und Bild
Die literarischen Bezüge im Schaffen von Paul Holz stehen im Mittelpunkt der Veranstaltung, zu der das KOG zusammen mit dem Europaeum. Ost-West-Zentrum der Universität einlädt.

Sonntag, 13. Januar 2018
Finissage
Am letzten Ausstellungstag schließt das Programm mit einer Mitmachführung für Klein und Groß ab.

Eine Ausstellung des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Kooperation mit der Akademie der Künste Berlin.

Lage


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