13.05.2004 , 19:00
Vertretung des Freistaats Thüringen beim Bund
Mohrenstraße 64, 10117 Berlin, Deutschland

Deutsche und Ungarn – eine besondere Beziehung: Zukunftschance oder Auslaufmodell?

Auf dem I. Potsdamer Forum 2004 diskutieren: S.E. Dr. habil. Sándor Peisch, Dr. Elisabeth Knab, Dr. Krisztián Ungváry, Paul Kárpáti und Wilhelm Droste. Moderation: Dr. Andreas Oplatka

Das ungarndeutsche Dorf Mözs/Mesch im Komitat Tolna/Tolnau, 1936.

Sind die seit dem Mittelalter so außergewöhnlich engen Beziehungen zwischen den beiden Völkern heute ein Anachronismus oder eine besondere Chance für Ungarn in einer westeuropäisch dominierten Union? War der jahrhundertelange deutsche Einfluss ein zu überwindendes Kulturdiktat oder hat er zu einer Bereicherung des nationalen Erbes geführt, die bewahrt werden sollte? Ist die ungarndeutsche Minderheit lebensfähig oder wird sie in naher Zukunft im magyarischen Mehrheitsvolk aufgehen?

Die bereits über tausend Jahre alten Beziehungen zwischen Deutschen und Ungarn sind eng, vielfältig und wechselvoll. Seit dem Mittelalter entstand in Ungarn eine reiche deutschsprachige Kultur. Über Jahrhunderte waren die deutschen Universitäten bevorzugtes Ziel für junge Ungarn. Die Personalunion mit Österreich führte sogar zu einer mehr als 300 Jahre andauernden staatsrechtlichen Bindung Ungarns an den deutschsprachigen Raum. All dies und auch das kulturelle Selbstverständnis der Ungarn, die sich immer als Angehörige des westeuropäischen Kulturkreises empfunden haben, brachte eine enge Anlehnung Ungarns an Österreich und Deutschland mit sich, die in Politik und Wirtschaft bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und in kultureller Hinsicht sogar noch heute bis in die Sprache und das alltägliche Leben hinein deutlich fühlbar ist.

Doch wie sieht man heute diese »besondere Beziehung» in Ungarn? Ist sie ein Auslaufmodell, das in einer globalisierten Welt überflüssig ist, oder bietet sie besondere Chancen für Ungarns Fortkommen in einer westeuropäisch dominierten Union?

Darüber hinaus wäre zu klären, ob der jahrhundertelange deutsche Einfluss ein Kulturdiktat war, das es zu überwinden gilt, oder ob er zu einer Bereicherung des nationalen Erbes geführt hat, die bewahrt werden sollte – und es stellt sich schließlich auch die Frage, ob diese kulturelle Beeinflussung eine Einbahnstraße war oder ob es Ungarn gelungen ist, Spuren in der Kultur der deutschsprachigen Länder zu hinterlassen.

Und was geschieht heute mit den mannigfaltigen Spuren deutschsprachiger Bevölkerung in Ungarn? Kann man die inzwischen weithin vergessenen beeindruckenden kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen des deutschsprachigen Bürgertums der breiten Öffentlichkeit nahebringen oder wird dieses Thema auch weiterhin einer Handvoll Wissenschaftler vorbehalten bleiben?

Die verbliebene deutschsprachige Minderheit leidet im Ergebnis von Vertreibung und Diskriminierung seit langem unter einem zunehmenden Verlust der Muttersprache. Ist diese Minderheit lebensfähig oder wird sie in naher Zukunft im magyarischen Mehrheitsvolk aufgehen?

Diesen und anderen Fragen aus dem Bereich der deutsch-ungarischen Beziehungen widmet sich das aktuelle Potsdamer Forum, das diesmal in der Vertretung des Freistaats Thüringen beim Bund zu Gast ist.

Auf dem Podium und mit dem Publikum diskutieren:

S.E. Dr. habil. Sándor Peisch

S.E. Dr. habil. Sándor Peisch, geb. 1949, studierte Wirtschaftswissenschaften in Budapest. Seit 1972 in verschiedenen Funktionen beim ungarischen Außenministerium tätig, so u.a. als stellvertretender Staatssekretär für westeuropäische und nordamerikanische Staaten (1991–1994) und als Botschafter in Wien (1994–1999). Dr. Peisch ist Vizepräsident des Ungarischen Rates der Europäischen Bewegung. Seit 2002 ist er Botschafter der Republik Ungarn in Berlin.

Dr. Elisabeth Knab

Dr. Elisabeth Knab, geb. 1957, ungarndeutsche Germanistin und Historikerin. Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten Budapest und Pécs sowie der Hochschule in Baja ist Frau Dr. Knab seit 1994 als Direktorin des Ungarndeutschen Bildungszentrums Baja tätig. In bilateralen Gremien arbeitet sie an einer Vertiefung der schulischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Ungarn. Frau Dr. Knab ist stellvertretende Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Dr. Krisztián Ungváry

Dr. Krisztián Ungváry, geboren 1969, studierte Geschichte und Germanistik in Budapest, Jena und Freiburg, seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution von 1956. Forscht u.a. zur Deportation der ungarischen Juden und der Vertreibung der ungarndeutschen Minderheit, in Deutschland vor allem bekannt durch seine Kritik an der Ausstellung Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944.

Paul Kárpáti

Paul Kárpáti, geb. 1933 in Györköny/Jerking im Komitat Tolna/Tolnau, nach Kriegsende ausgesiedelt nach Pirna. Studierte Finnougristik und Hungarologie, ist Übersetzer und passionierter Mittler zwischen der deutschen und ungarischen Kultur, leitete bis 1996 das hungarologische Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Paul Kárpáti lebt heute in Berlin und Fertőhomok am Neusiedler See.

Wilhelm Droste

Wilhelm Droste, geb. 1953, studierte Germanistik, Geschichte und Soziologie. Schriftsteller, Übersetzer und Publizist, lebt seit 1988 in Ungarn. Wilhelm Droste ist Dozent für deutsche Literatur am Germanistischen Institut der Eötvös-Loránd-Universität Budapest, Herausgeber der deutsch-ungarischen Kulturzeitschrift Három Holló (Drei Raben) und Kaffeehausbetreiber.

Gesprächsleitung:

Dr. Andreas Oplatka

Dr. Andreas Oplatka, geb. 1942 in Budapest, ging nach der Niederschlagung des Volkaufstands 1956 mit seiner Familie in die Schweiz. Studierte Germanistik und Geschichte, arbeitete von 1968 bis 2004 bei der Neuen Zürcher Zeitung, war Korrespondent des Blattes in Stockholm, Paris, Moskau und Budapest. Dr. Oplatka ist Übersetzer klassischer Literatur aus dem Ungarischen ins Deutsche, lebt heute als Sachbuchautor in Zürich und arbeitet momentan an einer Biographie des Grafen István Széchenyi.

Die Diskussion wurde in einer Broschüre des Deutschen Kulturforums östliches Europa dokumentiert. ::: mehr:::

Im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe Potsdamer Forum lädt das Deutsche Kulturforum östliches Europa alljährlich zu vier kulturpolitischen Podiumsgesprächen, in denen Politiker, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler über Fragen der gemeinsamen Geschichte der Deutschen und ihrer östlichen Nachbarn diskutieren.

Eine Veranstaltung des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Zusammenarbeit mit dem Collegium Hungaricum Berlin. Mit freundlicher Unterstützung der Vertretung des Freistaats Thüringen beim Bund und des Weinguts Hummel, Villány/Wieland, Ungarn.

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Biographie von S.E. Dr. habil. Sándor Peisch
auf der Website der Botschaft der Republik Ungarn in Berlin

Ungarndeutsches Bildungszentrum Baja

Homepage von Dr. Krisztián Ungváry auf der Website des Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution von 1956
In ungarischer Sprache, mit Lebenslauf und Publikationsverzeichnis

Liste der von Paul Kárpáti seit 1974 verfassten, herausgegebenen und übersetzten Werke
auf der Website der Deutschen Bücherei Leipzig

Három Holló – Zeitschrift für ungarische Kultur
herausgegeben von Wilhelm Droste

Café <eckermann>, Budapest
geleitet von Wilhelm Droste

Liste der von Dr. Andreas Oplatka seit 1974 verfassten und übersetzten Werke
auf der Website der Deutschen Bücherei Leipzig

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