Zwei Projekte deutsch-polnischer Zusammenarbeit

Claudia Tutsch
Claudia Tutsch
Zwei Projekte deutsch-polnischer Zusammenarbeit
Zusammenfassung eines Diavortrags von Ulrich Schaaf, gehalten auf einer Veranstaltung des Deutschen Kulturforums vom 5. Dezember 2002 im Alten Rathaus in Potsdam
Die größte europäische Holzkirche Zur Heiligen Dreifaltigkeit in Schweidnitz.
Innenansicht der Friedenskirche in Schweidnitz.
Die Kirche Zum Heiligen Geist in Jauer.
Das Innere der Kirche Zum Heiligen Geist in Jauer.

Im Mittelpunkt des Vortrags von Ulrich Schaaf stand die Restaurierung der beiden schlesischen Friedenskirchen in Schweidnitz und Jauer, die Anfang der 90er Jahre begonnen wurde und bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Die Sicherung der Bausubstanz war eine wesentliche Voraussetzung für die Aufnahme der Friedenskirchen in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, die im Dezember 2001 erfolgte.

Die Friedenskirchen entstanden im Ergebnis des Westfälischen Friedens. Das überwiegend evangelische Schlesien war im Zeitalter der Gegenreformation und der Glaubenskriege als ein der Habsburger Monarchie zugehöriges Land großen religiösen Repressionen ausgesetzt. In dem zu Osnabrück geschlossenen Frieden von 1648 erlaubte der habsburgische Kaiser seinen protestantischen Untertanen in den schlesischen Erbfürstentümern nur

»... drey Kirchen, auf ihre eigene Kosten, ausser den Städten Schweidnitz, Jauer, und Glogau, bey der Stadtmauer am darzu bequemen, von Jhrer Kayserl. Mays. Befehl designirten Orten, nach getroffenem Frieden aufzubauen, so bald sie solches begehren werden...«.

In der 1652 erteilten Erlaubnis zum Bau der Friedenskirchen in Jauer und Schweidnitz schränkte der Kaiser weiterhin ein, »... daß die Kirchen- Pfarr- und Glöckner-Häuser nur von Holz und Leimen ...« gebaut werden dürfen. Zudem wurden den Protestanten in den katholischen Regionen Schlesiens im Rahmen der sogenannten Kirchenreduktion in den Jahren 1653-54 alle Kirchen, ca. 650 Gebäude, weggenommen.

Der Breslauer Festungsbaumeister Albrecht von Säbisch (1610-1688) fertigte die Entwürfe für die drei Friedenskirchen an, die in den 50er Jahren des 17. Jahrhunderts errichtet und in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten durch den Einbau von Emporen und Logen sowie den Anbau von Kapellen räumlich erweitert wurden. Um der großen Zahl von Gläubigen ausreichend Platz bieten zu können, wagten die Architekten und Zimmerleute beim Bau von Emporen und Logen immer wieder neue Lösungen. Daher wurden die Friedenskirchen bereits im 17. und 18. Jahrhundert als Meisterwerke der Ingenieurkunst gewürdigt.

Die Friedenskirchen »Zum Heiligen Geist« in Jauer und »Zur Heiligen Dreifaltigkeit« in Schweidnitz sind die größten noch existierenden sakralen Fachwerkbauten in Europa.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte die Anerkennung der Friedenskirchen als Denkmäler. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden vor allem die regionalhistorischen und handwerklich-technischen Denkmalwerte der Fachwerkkirchen herausgehoben. Eine sowohl überregionale als auch künstlerische Bedeutung wurde den Friedenskirchen erst in den 60er Jahren zugeschrieben, also in der Zeit, als Schlesien bereits Teil der Volksrepublik Polen war.

Über die Eintragung der Friedenskirchen in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes wurde zwar bereits seit Ende der 80er Jahre gelegentlich diskutiert, aber erst Andrzej Tomaszewski, Vertreter der Republik Polen im UNESCO-Komitee und ehemaliger Generalkonservator Polens, erkannte und formulierte die Bedeutung der Friedenskirchen für das Weltkulturerbe. Seine in dem Antrag an die UNESCO formulierte Begründung lautet wie folgt:

»Die Friedenskirchen zu Jauer und Schweidnitz sind außergewöhnliche Denkmale des traditionellen schlesischen Fachwerkbaus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, der hier an die Grenzen seiner technischen und räumlichen Möglichkeiten geführt wurde. Weiterhin sind sie besondere Zeugen des Miteinanders barocker Kunst und lutherischer Theologie […]

Die Friedenskirchen haben einen direkten Bezug zu einem wichtigen historischen Ereignis (Westfälischer Friede), zu einer allgemeinmenschlichen Idee (Verlangen nach Religionsfreiheit) und zu einer Ideologie (christlicher Glaube, Reformation).

Sie sind Kunstdenkmale, deren Form und Inhalt eng verbunden waren mit der politischen Situation einer zahlreichen und dynamischen religiösen Gesellschaftsgruppe, die sich in Folge innerer Konflikte und Krieg in einer durch die Herrschaft lediglich tolerierten Diaspora befand.«

Sowohl das für die UNESCO erstellte Gutachten des deutschen Kunsthistorikers Hans Caspari als auch die von der UNESCO endgültig formulierte Begründung für die Eintragung in die Weltkulturerbeliste folgen im wesentlichen Teilen dem Antrag.

In den 90er Jahren wurden die dringend notwendigen Restaurierungsmaßnahmen in polnisch-deutscher Zusammenarbeit ausgeführt. Der Referent, Ulrich Schaaf, war als Restaurator maßgeblich an der Restaurierung beider Kirchen beteiligt. Das Deutsche Zentrum für Handwerk und Denkmalpflege (ZHD) in Fulda rief dafür 1992 ein deutsch-polnisches Projekt ins Leben, dessen Ziele die komplexe Restaurierung der Friedenskirche sowie eine interdisziplinäre Zusammenarbeit waren.

Die im Vorfeld notwendigen Untersuchungen, Proberestaurierungen, Sicherungen und Planungen sowie die Ausführung wurden durch das Deutsche Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT), die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ) und das Polnische Ministerium für Kunst und Kultur gefördert.

Hauptpartner des Projektes waren der Eigentümer der Friedenskirche, die Evangelisch-Augsburgische Kirchengemeinde, der Konservator der Woiwodschaft Waldenburg als zuständige Aufsichts- und Genehmigungsbehörde sowie das Institut für Denkmalpflege und Denkmalkunde der Universität Thorn. Die Organisation und Koordination des Projektes oblagen bis zu seiner Schließung im Sommer 2001 dem Deutschen Zentrum für Handwerk und Denkmalpflege. Ein unabhängiger Beirat, in dem polnische und deutsche Experten aus den geistes- und naturwissenschaftlichen sowie aus den technisch-praktischen Disziplinen vertreten waren, beriet über Grundsatzfragen und wesentliche Zielsetzungen des Projekts.

Die Restaurierung der Kirche in Schweidnitz wurde früher begonnen als die in Jauer. Zunächst wurde der Erhaltungszustand der Kirche detailliert ermittelt. Im einzelnen waren dies: Bauaufnahme, Orientierungssystem, bautechnische Untersuchung des Fachwerks, statische, geologische und hydrogeologische Untersuchungen, mykologische Untersuchungen, Klimamessungen, restauratorische Untersuchungen an steinernen Epitaphien, mit Leder bezogenen Stühlen und Archivalien sowie an den Elementen der Ausstattung: Altar, Kanzel, Orgelprospekt, hölzerne und bemalte Epitaphien, Wappen, Zunftschildern und Malereien an Decken, Wänden und Brüstungen.

Einige Teile bedurften einer sofortigen Sicherung, wie die Deckenmalerei, andere mussten dringend restauriert werden, so das Ölgemälde auf Leinwand »Personifikation des Friedens«. Das Rahmenkonzept zum Projekt sah zunächst Proberestaurierungen vor. Innerhalb dieses Konzepts wurden u.a. eine Engelsfigur und ein Putto restauriert.

Die statischen Untersuchungen ergaben, dass weder eine Rücknahme der Verformungen noch eine Sicherung des Tragsystems durch eine additive Konstruktion notwendig waren. Die Fachwerkrestaurierung konnte somit auf die Reparatur vieler lokaler Schäden beschränkt werden. Herr Schaaf führte an Hand von Konstruktionszeichnungen und Fotografien die Restaurierung der Holzkonstruktion und des Dachstuhls vor. Verlorengegangene Ausfachungen wurden durch eine neue Ziegelmauerausfachung ersetzt. Die Erneuerung der Nutschindeldeckung ist ein Prozess, der in einem Abstand von mehreren Jahrzehnten wiederholt werden muss.

Die geforderte Erneuerung des Außenputzes bot die Möglichkeit, zu einer Oberflächenbehandlung und farbigen Gestaltung zurückzukehren, wie sie vom 17. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert vorhanden waren: schwarzes Fachwerk und schwarzgraue Begleiter auf weißem, glattem Putz.

Ebenso wie die Schweidnitzer Friedenskirche überstand auch die Friedenskirche in Jauer die Jahrhunderte ohne größere Schäden, befand sich jedoch aufgrund mangelnder Instandsetzung in der Nachkriegszeit in einem bedrohlichen Zustand. Dank des Engagements der Denkmalbehörde entstanden in den 80er und zu Beginn der 90er Jahre Gutachten und Projekte zur Sicherung der stark verformten Konstruktion, die in den folgenden Jahren realisiert wurden.

Da die konstruktiven Lösungen der Friedenskirche Jauer denen der Friedenskirche Schweidnitz gleichen, wurden die für die Restaurierung der Schweidnitzer Kirche entwickelten Standardreparaturen in modifizierter Form übernommen und lediglich durch einige bisher nicht vorhandene Detaillösungen ergänzt.

Resümee und Perspektive

Die Perspektive der Projekte stellt sich wie folgt dar: In der Zeit von 1996-2002 konnte das Fachwerk des Hauptbaukörpers sowie einiger angebauter Logen der Friedenskirche Schweidnitz restauriert werden. Dringend notwendig ist jedoch der Abschluss der Fachwerkrestaurierung der an die Kirche angebauten verbleibenden Logen, Vorhallen und der Sakristei einschließlich deren Dächer sowie die Restaurierung der Fenster und Türen. Erst dann kann von einer langfristig gesicherten Bausubstanz gesprochen werden. In Jauer hingegeben ist diese Etappe schon erreicht, obwohl die Arbeiten dort später begannen.

Ulrich Schaaf studierte Architektur an der TU Frankfurt/M, Denkmal- und Museumskunde an der Nikolaus-Kopernikus-Universität Thorn und Konservierung von Architekturdenkmäler an der TH Warschau. Als Leiter der polnischen Außenstelle des Deutschen Zentrums für Handwerk und Denkmalpflege war er u.a. für die Restaurierung der Friedenskirchen in Jauer und Schweidnitz verantwortlich.

Die schlesischen Friedenskirchen. Ein gemeinsames Kulturerbe

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